Filmpreis Leipziger Ring

Filmpreis in Kooperation mit DOK Leipzig

Die Stiftung Friedliche Revolution unterstützt das Engagement für Freiheit und Demokratie auf vielfältige Weise. Das Medium Film erreicht als interkulturelle Vermittlungsform Menschen in besonderer Art. Mit diesem Ziel wird jährlich ein künstlerischer Dokumentarfilm mit dem Filmpreis LEIPZIGER RING ausgezeichnet. Die Stiftung würdigt damit einen Film, der bürgerschaftliches Engagement für Demokratie und Menschenrechte beispielhaft aufzeigt oder der unter großem persönlichem Einsatz und Mut des Filmemachers oder der Filmemacherin gegen Widerstände und Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit entstanden ist.

Der Filmpreis wird seit 2010 von der Stiftung Friedliche Revolution im Rahmen von DOK Leipzig, dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, vergeben. Mit der Auszeichnung ist die Übergabe einer Statuette sowie ein Preisgeld in Höhe von 2.500 € verbunden.

A Simple Soldier

Von Artem Rhyzhykov und Juan Camilo Cruz

Sprache: Ukrainisch, Englisch, Russisch

Farbe, 95 min.

Artem Ryzhykov is a Ukrainian filmmaker and cinematographer. As a cinematographer, he worked on Chad Gracia’s “The Russian Woodpecker” (2015), which was awarded the International Documentary Association’s Best Cinematography Award. It also won Sundance’s Grand Jury Prize and was nominated for an Independent Spirit Award.

Juan Camilo Cruz is a German-Colombian director and producer. He served as Executive Producer on Apple TV+’s “Messi’s World Cup: The Rise of a Legend” (2024) and Netflix’s “In Her Hands” (2022), among others. He has also produced acclaimed films including “Children of the Taliban” (2023), which garnered two BAFTAs.

 Als am 24. Februar 2022 die russische Invasion beginnt, tritt Artem Ryzhykov freiwillig der ukrainischen Armee bei. Ausgerüstet mit Maschinengewehr und Kamera, dokumentiert der Filmemacher seinen Alltag als Soldat. Doch schon bald zeigt sich, wie Vorstellung und Realität auseinanderdriften. Während ihn zu Beginn explodierende Bomben so sehr erschrecken, dass er in der verbarrikadierten Küche zu Boden stürzt, während verbrannte Leichen einer besiegten russischen Militäreinheit an der Front in Irpin für sensationsgierige Bilder sorgen, verlieren sich Euphorie und Sensibilität allmählich auf dem Schlachtfeld. Ryzhykov fällt langsam aus seiner beobachtenden Rolle, die Kamera verkommt zum „Spielzeug“ und wird von der Waffe abgelöst.

Das Kriegsgeschehen hinterlässt traumatische Spuren. Zunehmend entfremdet sich Ryzhykov von sich selbst und von seinem privaten Umfeld. Der überwältigende emotionale Ballast lässt sich nicht mehr so leicht katalysieren, Reflexionsräume werden immer kleiner und die Telefonate mit seiner Frau Irusya kälter und wortkarger. Co-Regisseur Juan Camilo Cruz formte aus über tausend Stunden Videomaterial einen Erzählstrang von unmittelbarer Eindrücklichkeit: ein intimer Einblick in das Leben eines Menschen, der versucht, in all dem Chaos klarzukommen.

Moria Six

Jennifer Mallmann       

Sprache: Griechisch, Persisch (Farsi), Deutsch, Englisch

Farbe, 82 Min.

Since 2017, Jennifer Mallmann has been studying Documentary Film Directing at the Filmakademie Baden-Württemberg, focusing on human rights issues in her artistic work. In her films she focuses on people who seem invisible in the post-modern world. In 2021, she received a scholarship for the Summer School of the Global Campus of Human Rights in Venice, Italy. In 2022, she was selected as a scholarship student of the Deutschlandstipendium.

Nachdem ein Feuer das Camp Moria im September 2020 komplett vernichtet hatte, wurde es gespenstisch still. Nicht nur vor Ort, sondern auch im öffentlichen Diskurs. Weder die menschenrechtswidrigen Bedingungen in den weiteren Lagern an den Außengrenzen Europas noch die zahllosen Pushbacks im Mittelmeer schienen die Allgemeinheit näher zu beschäftigen Auch die Verhaftung der sechs Jugendlichen, die man der Brandstiftung bezichtigte, blieb ohne weithin hörbares Echo – obwohl schon ein zweiter Blick auf die Umstände der Ermittlungen und den folgenden Strafprozess das Vorgehen der griechischen Justiz als fragwürdig offenbarte. Ganz zu schweigen von der zugrunde liegenden Flüchtlingspolitik der Europäischen Union.

Jennifer Mallmann wagt mit ihrem Film diesen zweiten Blick. Im Zentrum steht ihr Briefwechsel mit Hassan, einem der verurteilten Jugendlichen, der ihr aus dem Gefängnis von seinem Alltag, seinen Wünschen und Ängsten berichtet. Ruhige, exakt kadrierte Bilder dokumentieren „Normalität“ an den Rändern der Festung Europa. Sie zeigen, wie strategische Abschottung und die damit einhergehende strukturelle Ausgrenzung funktionieren. Wer wissen will, wie sich unsere Staatengemeinschaft ihre Zukunft vorstellt, muss nur die neu errichteten, futuristischen Hochsicherheitslager betrachten. Dort werden die Ankommenden behandelt wie Menschen, die schwere Verbrechen begangen haben.

Einhundertvier & Where Zebus Speaks French (zwei Filme ausgezeichnet)

Jonathan Schörning und Nantenaina Lova

Einhundertvier                        

Sprache: Deutsch, Englisch

Farbe, 93 min.

Born in Leipzig in 1991, Jonathan Schörnig gained experience as a director and camera-man through various TV formats and documentaries. He received recognition for his short documentary “Never Give Up” (2019), which participated in several festivals. Schörnig is currently studying at the Bauhaus-Universität in Weimar.

Die tödlichste Fluchtroute der Welt fordert jedes Jahr Tausende Leben. Allein in der ersten Hälfte 2023 starben fast 2.000 Menschen im Mittelmeer, weil die Grenzpolitik der Europäischen Union systematisch geltende Rechte verletzt. Statt Schiffbrüchigen beizustehen, praktiziert Frontex illegale Pushbacks, finanziert das gewaltvolle Vorgehen der libyschen Küstenwache und geht massiv gegen private Seenotrettungsmissionen vor, die dort tätig werden, wo die EU versagt. All das ist medial belegt, und dennoch bleibt es für alle, die diese Situation noch nicht selbst erleben mussten, unbegreiflich: Wie kann man Hunderten Menschen in Todesgefahr Hilfe verweigern, die zivilen Helfenden sogar bedrohen und kriminalisieren?!

Jonathan Schörnig beschäftigte das Dilemma der mangelnden Wahrnehmung und er beschloss, eine Seenotrettung als Echtzeitdokumentation auf die Leinwand zu bringen, um zu zeigen, wie quälend lange es dauert, 104 Personen von einem sinkenden Gummiboot zu bergen. Mensch für Mensch, Schritt für Schritt begleitet der Film die Aktion mit mehreren parallelen Kameras. Mit dem Auftauchen der libyschen Küstenwache spitzt sich die Lage zu. Tagelang harren die Geretteten und die Crew auf hoher See aus, da kein Mittelmeerland ihnen erlaubt anzulegen. Erst nach einem schlimmen Sturm erbarmt sich ein Hafen. Was wie ein schlechtes Drehbuch klingt, ist tatsächlich – tägliche – Realität.

Where Zebus Speek French

Sprache: Malagasy, Französisch

Farbe, 103 min.

Director Nantenaina Lova, born in 1977 in Madagascar, first studied sociology and humanitarian studies in France. Back in Madagascar between 2003 and 2005, he became a journalist. He completed a master in Information & Communication in La Réunion and later joined the film school École Supérieure d’Audiovisuel in Toulouse. In 2008, he set up his own production company, Endemika Films. His films have been screened at numerous international film festivals from International Documentary Festival Amsterdam and Hot Docs to Clermont-Ferrand Festival.

Ob Bauer Ly etwas mit den Chinesen zu tun habe, die sich neuerdings an der Infrastruktur des Dorfes Sitabaomba, unweit der madagassischen Hauptstadt Antananarivo, zu schaffen machen, fragt Regisseur Nantenaina Lova so unverblümt wie verschmitzt. Ly verneint. Dass die verschiedenen Entwicklungsmaßnahmen, häufig eingeleitet von ausländischen Initiativen und befeuert durch korrumpierte Politik, jedoch auch ihn betreffen, wird im Verlauf von „Where Zebus Speak French“ immer klarer. Fokussiert auf Sitabaomba, zeigt Lova über mehrere Jahre hinweg den Versuch der Dorfbevölkerung, ihr Ackerland zu verteidigen. Ihr Kampf erinnert an den von David gegen Goliat, führt jedoch nicht zu Verzagtheit. Denn in Madagaskar wird seit jeher auch eine sehr eigenständige Form des künstlerischen Ausdrucks, insbesondere des sprachlichen, gepflegt, der es im besten Fall vermag, eine innere Unabhängigkeit zu bewahren. So liefert den Kommentar zum Geschehen eine Stimme im Stil der „Kabary“. Diese höfliche, rhetorisch ausgefeilte und bisweilen spöttische Rede umschifft direkte Kritik elegant und trägt sie damit umso deutlicher vor. Auch ein Künstler besucht wiederholt das Dorf, bringt mit Kindern Steine zum Sprechen und festigt so eine Haltung, die Nantenaina Lova selbst folgendermaßen beschreibt: „Über Ungerechtigkeit lachen, statt zu weinen, Widerstand leisten, statt sich zu bemitleiden.“

König hört auf

Tilman König

Sprache: Deutsch

Farbe, 85 min.

Tilman König, born in Erfurt in 1979, grew up in East Germany before and after German reunification. The son of a politically active youth pastor, whom he portrays in “Pastor Lothar Stops”, he experienced attacks by extreme right groups against his family. He graduated in Japanese Studies from University of Leipzig, including a study visit at Waseda University, Tokyo. Time and again his fiction and documentary films, such as “Related by Blood” (2011, co-directed with Helio Yoshida), deal with migration and racism. König is currently working with actress Hanna Schygulla and musician Mert Güney on an experimental film.

Lothar König ist ein Original. Der langjährige Jugendpfarrer aus Jena passt in kein System. In der DDR wurde er von der Stasi beschattet, nach der Wiedervereinigung war er einer der unermüdlichsten Mahner vor dem erstarkenden Rechtsradikalismus. Bis zu seinem Tod er gegen Rechts auf die Barrikaden, oft in der ersten Reihe. Das Filmporträt seines Sohnes Tilman ist dennoch keine Hommage, sondern die kritische Würdigung eines streit-baren Charakters, der sich mit der Pensionierung neu erfinden muss.

Pfarrer König gilt nicht nur als Galionsfigur der linken Szene, die Punkkonzerte, Demos und Fußballturniere mit jungen Geflüchteten organisiert. Ihm eilt auch der Ruf einer durchaus herausfordernden Persönlichkeit voraus. Tilman König zeigt seinen Vater nur am Rande in seiner Rolle als kirchlicher Amtsträger. Vor allem stellt er einen Menschen vor, der mutig und entschlossen, aber auch dickköpfig und ungerecht sein kann. Sein Film interessiert sich angenehmerweise und zuallererst für das Hier und Jetzt dieses Mannes, für all jene Dinge, die Lothar noch zu bewältigen hat. Wie gelingt der Übergang in den Ruhestand nach einem unruhigen Leben zwischen Gemeindearbeit und politischem Aktivismus? Wie kann der rhetorische Haudegen unter eigentlich Gleichgesinnten bestehen, die sich im Denken, Sprechen und Handeln von ihm zu entfernen scheinen? Der Grenzgänger beschreitet unbekanntes Terrain.

Our Memory Belongs to Us (Frihed, håb og andre synder – Den syriske revolution 10 år senere)

Rami Farah & Signe Byrge Sørensen

Sprache: Arabisch

Farbe, 90 min.

Rami Farah is a Syrian dancer, actor and film-maker, born in Damascus in 1980. He studied Dance at the Higher Institute for Dramatic Arts, Damascus, and graduated from the Arab Film Institute in Amman, Jordan, in 2007. His feature-length debut, “A Comedian in a Syrian Tragedy” (2019), sees him follow his protagonist into exile in France.

Signe Byrge Sørensen is a Danish film producer and occasional co-director, born in Copenhagen in 1970. A co-founder of the production company Final Cut for Real, her credits as a producer include Joshua Oppenheimer’s “The Act of Killing” and “The Look of Silence”, both of which gained her a Cinema Eye Honors award for Outstanding Achievement in Production.

Das Wertvollste, was Yadan auf seiner Flucht bei sich trägt, ist eine Festplatte. Fast 13.000 Videos befinden sich darauf, aufgenommen 2011 und 2012, von ihm und anderen Aufständischen in Daraa, der „Wiege“ der syrischen Revolution. Acht Jahre später kommen Yadan und zwei seiner Weggefährten in einem Theater in Paris zusammen, um dem Material (erneut) zu begegnen. Im Dialog zwischen den Männern und den Bildern beginnt ein Stück der Geschichte des Landes Gestalt anzunehmen.

Als friedlicher Protest in einen brutalen Krieg mündet, wird eine kleine Gruppe von Zivilisten zur Stimme von Daraa. Wo die offizielle Berichterstattung ausbleibt, filmen sie: zunächst um der Revolution in ihrer medialen Repräsentation zu tatsächlicher Existenz zu verhelfen, dann um in einem dringlichen Hilfsgesuch an die internationale Gemeinschaft Zeugnis abzulegen. Gegen die Menschenrechtsverbrechen der Regierungstruppen, gegen Granatbeschuss und Bomben – die Kamera ist ihre Waffe. Die filmische An-ordnung wird zum Ausgangspunkt einer Reflexion über die Bedeutung der Bilder, damals und heute, und gibt zugleich Anstoß, persönliche in kollektive Erinnerung zu überführen. Wie schmerzhaft dieser Prozess ist, offenbaren die Reaktionen der Protagonisten. „Ist die Aufarbeitung der Geschichte all die Gewalt wert, die die Erinnerung wachruft?“, wird aus dem Off gefragt. Der Film gibt eine entschiedene Antwort.

Girls of Paadhai

Natalia Preston

Sprache: Tamil

Farbe, 90 min.

Natalia Preston was born in Hamburg in 1968. Following a BA in Russian Studies at the University of London and an MBA at Northwestern University in Chicago, Natalia Preston worked many years as an entrepreneur and in media companies before finishing an MA in documentary and experimental filmmaking at Transforming Arts Institute (TAI) of King Juan Carlos University in Madrid, Spain. The short documentary “Carmen” (2016), her graduation film, marked her directorial debut.

Ein Frauenhaus im südlichen Indien dient als Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die sich einer frühen Verheiratung widersetzen. Die Mädchen diskutieren über Liebe – mit erstaunlich pragmatischen Erwägungen: „Wenn dich deine Eltern einem Jungen vermählen, kannst du dich immer-hin beschweren. Wenn du aber den Jungen selbst aussuchst, werden sie sagen, es sei deine Entscheidung gewesen.“ Das äußert die zwanzigjährige Amulpriya, deren Fall die Strukturen deutlich macht. Schon ihre Mutter wurde sehr jung in die Ehe mit einem Mann gegeben, der die erhoffte Versorgung aber gar nicht gewährleisten konnte. Nach einem Leben voller Arbeit und Entbehrungen will sie nun für ihre Tochter dieselbe Lösung, die für sie selbst gar keine war: eine Heirat. Amulpriya aber will eine Aus-bildung und wird dabei von Sunitha, der Leiterin des Hauses, unterstützt. Der Name Paadhai bezieht sich auf das konkrete Gebäude und die Anlaufstelle, die es beherbergt, gleichzeitig auf die karitative Organisation, von der es getragen wird. Natalia Preston geht neben Amulpriya auf einige weitere Geschichten näher ein und lässt auf diese Weise erkennen, warum das Geschlechterverhältnis für die indischen Gesellschaft so bestimmend ist: Es durchdringt als die entscheidende soziale Frage alle Bereiche, auch das häufig beschworene Kastensystem.

In Search…

Baryl Magoko

Sprache: Englisch, Deutsch, Kikuria, Swahili

Farbe, 90 min.

Director Beryl Magoko, born in Kenya in 1984, wants to tell African women stories from an African woman point of view. After graduating in mass communication and TV and video production from Kampala University in Uganda, she moved to Germany to improve her filmmaking skills at the KHM Academy of Media Arts Cologne. Beryl Magoko made her documentary debut in 2012 with “The Cut”: Her film about female genital mutilation won several international awards.

Die Filmemacherin Beryl Magoko wurde als Kind in Kenia einem lebensgefährlichen Ritual unterzogen, dem bis heute viele Mädchen zum Opfer fallen. Damals erschien ihr die „Beschneidung“, ein freundlicher, kaum angemessener Begriff für die Genitalverstümmelung, die sie unter furchtbaren Schmerzen ertrug, als etwas, das zum Heranwachsen unabdingbar dazugehört. Heute weiß sie, dass es nicht so sein muss. Weil das Wissen allein ihr nicht weiterhilft, trifft sie andere Betroffene, die wie sie zwischen Wut und Scham schwanken und noch Jahrzehnte später unter dem Übergriff leiden.

Mit ihrem persönlichen und hochpolitischen Film begibt sich Beryl Magoko auf eine Reise, die sie gleichzeitig in die Vergangenheit und die Zukunft führt. Mit frappierender Offenheit, aber ohne Groll konfrontiert sie die eigene Familie mit Fragen und Vorwürfen. Gleichzeitig steht sie vor der Entscheidung, sich einer wiederherstellenden Operation zu unterziehen und damit ein neues Kapitel in ihrem Leben zu beginnen.

 

Silent War (Syrie: La guerre silencieuse)

Manon Loizeau

Sprache: Arabisch

Farbe, 72 min.

British-French journalist and filmmaker Manon Loizeau, born in London in 1969, started making documentaries in 1997 in Moscow for France 2, ARTE and Canal+. She holds degrees in Political Science and English literature. In her films, she focuses on human rights issues, forbidden places and war-torn countries like Chechnya where she has worked for more than ten years. She made several award-winning films in Afghanistan, India and Pakistan.

Vergewaltigung ist eine Kriegswaffe, immer schon und gegenwärtig auch in Syrien. Bereits seit Beginn des Bürgerkriegs setzt sie die syrische Armee systematisch gegen Frauen in ihren Foltergefängnissen und anderswo ein – als verbrecherisches Instrument, das auf die Zerstörung des Widerstands und letztlich des funktionierenden sozialen Miteinanders zielt. Vergewaltigung ist ein solches Tabu in der traditionellen syrischen Gesellschaft, dass den betroffenen Frauen nur übrigbleibt, zu schweigen oder von ihren Familien verstoßen, mitunter sogar getötet zu werden. Tausende haben dieses Schicksal nach Schätzungen von Nichtregierungsorganisationen erlitten, Tausende müssen mit dem Trauma, den Schmerzen und der Scham alleine zurechtkommen, Tausende sind zum Schweigen verdammt. Vor der Kamera von Manon Loizeau haben nun einige von ihnen den Mut gefunden, ihr Schweigen zu brechen. Sie berichten davon, wie die Körper von syrischen Frauen zu einem Kriegsschauplatz wurden – und von den bislang unerzählten Kriegverbrechen des Assad-Regimes.

The Event (Sobytie)

 Sergei Loznitsa 

Sprache: Russisch

Schwarz – Weiß, 74 min.

Sergei Loznitsa was born in 1964. After working as a scientist at the Institute of Cybernetics in Kiev he studied feature film directing at the Russian State Institute of Cinematography (VGIK) in 1997. Since then he has directed 15 documentaries that received numerous international awards, including Golden and Silver Doves at DOK Leipzig. Loznitsa’s feature debut “My Joy” premiered at the Film Festival in Cannes in 2010, “In the Fog” won the FIPRESCI prize in Cannes two years later.

Wie schon in früheren Filmen verwendet Sergei Loznitsa Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus Archiven, um damit Ge-schichte zu rekonstruieren, wenn nicht zu konstruieren. Es sind Bilder des historischen Ereignisses, das den end-gültigen Zerfall der Sowjetunion einleitete: der gescheiterte Putschversuch am 19. August 1991. In den Straßen von Sankt Petersburg, das damals noch Leningrad hieß, stehen die Menschen. Die Kamera bewegt sich durch die Massen und erfasst Gesichter, ihr Ausdruck: nichtwissend. Sie alle warten und hören den endlosen Verlautbarungen zu.

Loznitsas gekonnte künstlerische Intervention betrifft die Tonspur. Während des dreitägigen Coup d’État sendete das staatliche Fernsehen der UdSSR – wie stets in Krisensituationen – ununterbrochen Aufzeichnungen des Tschaikowski-Balletts „Schwanensee“. Der Regisseur nimmt das Musikmotiv auf, es gliedert den Film in Kapitel. Die Berichterstattung aus dem Radio ist ein weiteres narratives Element, das Loznitsa zu seinem Quasi-Kommentar macht und damit den Zustand der Unsicherheit, des Nicht-Wissens und der Nicht-Information unterstreicht. Dennoch geht es nicht um eine Neu-Interpretation der Geschichte, sondern eher darum, die Oberfläche des Realen zu durch-dringen und nach Deutungsmöglichkeiten zu suchen – in der Hoffnung, zu einer Erkenntnis zu gelangen, wie Auf-stände und Machtwechsel generell funktionieren.

Citizenfour

Laura Poitras

Sprache: English

Farbe, 115 min.

Laura Poitras is a US documentary filmmaker, journalist and artist, living in Berlin. She studied filmmaking at the San Francisco Art Institute. Her work includes “Flag Wars”, a film she co-directed with Linda Geode Bryant in 2003, and the video installation “O‘ Say Can You See” (2011). Furthermore, her films have screened at such festivals and venues as the Sundance Film Festival, the Edinburgh International Film Festival, the Berlinale, the Museum of Modern Art and the San Francisco International Film Festival, among others.

Im letzten Teil ihrer post-9/11-„New American Century“-Trilogie zeigt die vielfach preisgekrönte Regisseurin Laura Poitras, wie sich der sogenannte „Krieg gegen den Terror“ der USA gegen die eigenen Bürger, gegen jeder-mann richtet. Es geht um Überwachung – auf der politischen, der philosophischen und der psychologischen Ebene. Es geht um Wahnsinn.

Im Januar 2013 wird Poitras, die schon länger zu dem Thema recherchiert und Kunstaktionen veranstaltet hat, von dem noch völlig unbekannten Edward Snowden kontaktiert und bringt mit dem Guardian-Journalisten Glenn Greenwald dessen brisantes Material im Juni an die Öffentlichkeit, kurz darauf auch Interviews mit ihm. Poitras interessiert die Schnittstelle zwischen Politik und Kunst. So gestaltet sie „CITIZENFOUR“ als Triptychon der Paranoia: Von pseudodemokratischen Beteuerungen amerikanischer Politiker und den ersten Whistleblowern über die Panoramen riesiger Geheimdienstzentralen führt es in die klaustrophobische Enge des Hotelzimmers in Hongkong, wo Snowden auf den Moment der Enttarnung wartet. Bis kurz vor die Veröffentlichung des Films reichen die Dreharbeiten und bilden ab, was Snowden auslöste.

Poitras geht es in ihrer Kunst darum, uns mit dem Wissen, das uns verfüg-bar und eben nicht geheim ist, emotional zu verbinden. „CITIZENFOUR“ macht geradezu physisch erfahrbar, was ein autoritärer Überwachungsstaat ist, und dass auch wir mittendrin sitzen. Kein schönes Gefühl.

My Stolen Revolution (Min stulna revolution)

Nahid Persson Sarvestani

Sprache: Persian, Swedish

Farbe, 75 min.

Nahid Persson Sarvestani, born in Shiraz, Iran, took political asylum in Sweden as a result of her political activism during and after the 1979 revolution in Iran. Since 2000 she has pursued a successful career as a documentary filmmaker in Sweden. In 2006 she was arrested in Iran for her critical depiction of women under the lslamic republic regime. She is the recipient of numerous awards, including the Golden Dragon at the Krakow Film Festival and an International Emmy nomination for “Prostitution Behind the Veil” (2004).

Die Archivaufnahmen der Eröffnungssequenz vergegenwärtigen den Alltag im Iran der 197oer Jahre. Vielen Menschen war es möglich, ein „normales Leben zu führen“, während die oppositionellen Gruppen noch Seite an Seite gegen den Schah kämpften. Der wurde gestürzt, „aber die Islamisten waren besser organisiert als wir“. Nahid Persson Sarvestani war damals linke Aktivistin. Nur mit sehr viel Glück und dank der Hilfe ihres Bruders Rostam entging sie der brutalen Gefangenschaft, die Folter, Vergewaltigungen und Massenhinrichtungen bedeutete. Auch Rostam wurde getötet.

Ein eigenwilliges Schuldgefühl bringt Nahid Persson Sarvestani Jahre später dazu, einige der wenigen Überlebenden des Widerstands zusammenzuführen. Die Suggestionskraft der Objekte und Kunstwerke, die in der und durch die Gefangenschaft entstandenen, sowie die erschütternden Erinnerungen der fünf Frauen an ein Regime, das heute immer noch an der Macht ist, werden einem sehr persönlichen Ansatz und dem Diskurs der eigenen Gedanken und Fragen gegenübergestellt. Der Regisseurin gelingt es überdies, von einer tiefen Verbundenheit zu erzählen, indem sie uns mit den bewegenden Gesichtern starker Persönlichkeiten konfrontiert, die sich nicht nur symbolisch von ihrem Tschador befreien.

Das Große Irrtum

Dirk Heth, Olaf Winkler

Sprache: German

105 min.

Berlin based director Dirk Heth, born 1966 in Leipzig, worked in various odd jobs, before he became assistant cameraman with GOR television. Later he studied at the Film and Television University „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Since 1996 he has been active as director of photography, producer, and lecturer at the university in Potsdam-Babelsberg.

Olaf Winkler, born 1963 near Potsdam, served in the military and worked in several jobs, before he enrolled for dramaturgy at the Film and Television University „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Since 1997 he has been working as a freelancing dramaturge, editor, and script writer.

Wonach bestimmt sich der Wert eines Menschen? In unserer Gesellschaft scheint die Antwort klar: am Markt. Aber „wie kann man glücklich werden ohne Marktwert?“, beschäftigt Olaf Winkler und Dirk Heth. Sie kehren zurück in die schrumpfende Stadt Eggesin, die sie schon 2002 filmisch erkundeten. Dort fin-den sie 20 Prozent Arbeitslosigkeit vor, aber engagierte Menschen, die arbeiten, ohne dass dies mit einem wirklichen Einkommen verbunden wäre: Marion, die trotz Selbständigkeit von Hartz IV nicht loskommt. Die alleinerziehende Diana, die sich mit „Maßnahmen“ durchschlägt. Die 1-Euro-Jobberin lrina, die sich mit Glück auf 1,50 oder ‚einen Minijob steigern kann. Frau Westholm und ihre Ehren-amtlichen von der Heimatstube. Eine Lösung scheint das Konzept der Bürger-arbeit, vom Politiker Rainer Bomba auf Landes- und Bundesebene vertreten, zu bieten. In Eggesin schiebt der Bürgermeister das Projekt einer Zeitbank an. All diese Menschen benutzt der Film nie als Stichwortgeber, sondern nimmt sie in ihren Biografien und auferlegten Zwängen wahr und ernst. Zugleich wird der Ich-Erzähler- ein Kameramann in Briefen an seine Kinder- einer von ihnen, denn der Markt braucht auch ihn nicht mehr.

Die Filmemacher und ihre Protagonisten erleben gemeinsam, ,,wie das gnadenlose Paradigma der bedingungslosen Marktfähigkeit eine intakte Stadt zu verschlucken drohte“. Sie entdecken Ideen und Engagement, die ins Nichts zu laufen. Zwischen Hoffnung und wachsender Ohnmacht stellen sie Fragen, die gehört werden müssen.

Fragments d’une Revolution (Fragments of a Revolution)

 anonymous

Sprache: Französisch

Farbe, 55 min.

Wer erinnerte sich nicht der Hoffnungsfarbe Grün während der aufgewühlten Tage im Vorfeld der Wahlen im tief gespaltenen Iran. Junge und alte Menschen diskutierten erstmals öffentlich auf den Straßen Teherans. Diejenigen, die das Land aus seiner Isolation befreien wollten, erhoben ihre Stimme. Das Fernsehen strahlte eine Debatte zwischen Ahmadinedschad und seinem Herausforderer Mussawi aus. Für einen kurzen historischen Augenblick schien eine friedliche Revolution möglich. Dabei finden Umbrüche heutzutage nicht mehr allein auf der Straße statt. Die Bilderproduktion ist mitentscheidend – die neuen Medien machen es auch da, wo ausländische Journalisten verbannt sind, möglich. Aus der Euphorie des Aufbegehrens heraus wurde das Web 2.0 zum virtuellen Wirbelsturm von Nachrichten und Bekenntnissen. Und dann das Desaster. Die Geheimpolizei zieht um sich schießend durch die Straßen, um sie wieder zurück in die Hände der Staatsgewalt zu führen. Die Aufnahmen der Handykameras tragen nun einen an-deren Charakter. Sie zittern in den Händen jener, die heimlich am Fenster filmen. Die Angst ist ins Material eingebrannt. Was auf den ersten Blick als ideales Medium einer „Gegenöffentlichkeit“ daherkommt, erweist sich als tödliche Falle. Jeder hinterlässt Spuren im Netz, ist auffindbar. In Schauprozessen werden die Aufnahmen als Beweise für einen Coup d’Etat herangezogen. Ausschließlich anhand von You-Tube-Material und E-Mails rekonstruiert eine anonym bleibende Filmemacherin jene Ereignisse des Jahres 2009. Eine Trauerarbeit. Aber auch ein verzweifelter Appell.

There Once Wa’s an Island: Te Henua e Nnoho

 Briar March

Sprache: Englisch, Takuu, Tok Pisin

Farbe, 80 min.

Born in New Zealand in 1980, Briar March has directed music videos, magazine shows as weil as commercials. She runs a production company with Lyn Collie, On the Level Productions. In addition to her own filmmaking, she has worked closely with award-winning filmmaker Annie Goldson. She is currently completing an MFA at Stanford University in Palo Alto, California. Filmography (Selection): Allie Eagle and Me (2004), Michael and His Dragon (2009)

Klimawandel: Kein Auto fuhr je auf Nukutoa, die 400 Bewohner leben ohne Strom und Geld von dem, was die Natur ihnen bietet. Doch das nur 500 Meter lange Pazifik-Atoll sinkt durch einen rasant steigenden Wasserpegel, und das Salzwasser vernichtet die Taro-Ernte.

Über drei Jahre hinweg begleitet der Film die Fischer Satty und Telo, die mit ihren Familien und der Gemeinschaft vor einer schweren Entscheidung stehen: Soll man das Angebot der Regierung zur Umsiedlung aufs Festland annehmen und sicher vor dem Wasser, aber in Armut und abhängig von Sozialleistungen leben? Oder an der eigenen Wirtschaftsweise, der polynesischen Kultur und Tradition festhalten und bleiben? Auf welchen der in den Dorfdebatten auftretenden Propheten soll man hören? Zu ihnen zählt Endar, die schon auf dem Festland lebt und in der Zivilisation auch eine Chance auf Bildung und Selbstverwirklichung sieht.

Schnell wird klar, dass von der Regierung nichts zu erwarten ist. Die Bewohner beginnen, sich selbst zu organisieren und holen Wissenschaftler auf die Insel. Die prognostizieren, dass eine Rettung möglich ist – wenn nur Geld da wäre. Doch wie die Insulaner und das Drehteam werden sie von einer Flut ungeahnten Ausmaßes überrascht, die kaum Zeil zum Überlegen lässt…

Packend wie ein Thriller, mit atemberaubenden Bildern und doch eine Tragödie. Mit einem Rest Hoffnung, die erwächst, wenn Menschen auf Gemeinschaft statt in Politik vertrauen.

Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm

Alle Projekte der Stiftung Friedliche Revolution kennenlernen.

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