Vier Jahre Krieg gegen die Ukraine

Vier Jahre Krieg gegen die Ukraine

Gedenkrede Thomas Weiler
Leipzig, Nikolaikirche, 23.02.2026

„Was ändert der Krieg? Der Krieg ändert das Vokabular. Er reaktiviert Wörter, die man bis dato nur aus historischen Romanen kannte. Vielleicht weil Krieg immer auch die Geschichte reaktiviert. Man kann sie sehen, schmecken, riechen. Meist riecht sie verbrannt.

Kaplane zum Beispiel kannte ich zuvor nur aus Büchern. […] Aber seit im Donbass Krieg ist, bin ich mit vielen echten Kaplanen in Berührung gekommen. Sie sind scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht, früher, vor dem Krieg, hat es sie einfach nicht gegeben. Aber vor dem Krieg hat es auch keinen Krieg gegeben.“ [1]

„Vor dem Krieg hat es auch keinen Krieg gegeben“, schreibt der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan, übersetzt von Claudia Dathe, 2016. Wir erinnern heute an den unmittelbar bevorstehenden vierten Jahrestag der Vollinvasion. Vom Krieg mit all seinen Begleiterscheinungen betroffen ist die Ukraine aber bereits seit zwölf Jahren, auch daran sei heute erinnert.

Ich möchte in dieser Gedenkrede mit Ihnen nachdenken über Krieg und Frieden, über Zeit und Zustände vor dem Krieg und über das Danach. Dabei gehe ich immer wieder vom Persönlichen aus. Daher bitte ich um Verständnis, dass ich den Blick weite, über die Ukraine hinaus und auch Belarus mit einbeziehe. Ein Land, mit dem ich schon lange verbunden bin und von dem wir hier noch weniger wissen als von der Ukraine. Ein Land, das 2020 seine friedliche, unvollendet gebliebene Revolution gefeiert hat, die auch hier in und um die Nikolaikirche mit viel Anteilnahme begleitet wurde, ein Land, das 2022 Kriegspartei geworden ist, Aufmarschgebiet und das doch bei weitem nicht nur von „Co-Aggressoren“ bevölkert wird.

„Vor dem Krieg hat es auch keinen Krieg gegeben.“ Ich erlebe immer noch diese Schrecksekunde, wenn jüngere Menschen aus der Ukraine von der Vorkriegszeit sprechen. Für Deutsche meines Alters ist die Vorkriegszeit Sache der Großelterngeneration. Die hat man nicht selbst erlebt, so wenig wie den Krieg. Und zur Vorkriegszeit wurde sie ja auch erst im Nachhinein, rückwirkend, durch den Krieg. Wie hieß dieselbe Zeit, bevor der Krieg ihr den neuen Namen verordnete? War es tatsächlich eine Friedenszeit?

Für mich, Jahrgang 1978, aufgewachsen im Schwarzwald, stand früh fest, dass ich nach dem Abitur nicht zur Bundeswehr gehen würde. Ich war vor Ort in der evangelischen Kirchengemeinde aktiv, suchte das Gespräch mit einem Mitarbeiter der Diakonie und formulierte frühzeitig die Begründung meines Antrages auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer, den ich am 17. September 1997 gleich mit zur Musterung ins Kreiswehrersatzamt Donaueschingen trug und dort abgab. Als 18-Jähriger schrieb ich darin etwas altklug:

„Im Rückblick auf die Geschichte wird deutlich, wieviel Leid, Chaos und Unrecht Kriege gebracht haben und was diese Kriege aus den Menschen gemacht haben, die an ihnen beteiligt waren. Krieg ist immer ein rechtloser Zustand, dessen Begleiterscheinungen Plünderungen, Vergewaltigungen, Folter und andere unmenschliche Handlungen sind. Der Krieg macht Menschen zu Unmenschen.“

Davon war ich überzeugt. Texte, Bücher, Filme hatten mich zu dieser Haltung gebracht, in meinem Alltag kam Krieg nicht vor.

Der Antrag auf „Verweigerung des Kriegsdienstes mit der Waffe“, wie er offiziell hieß, wurde erwartungsgemäß bewilligt, der Weg war frei für einen Ersatzdienst. Ich entschied mich für einen „Anderen Dienst im Ausland“, im belarussischen Minsk. Alf Seippel, friedensbewegter evangelischer Theologe aus Dortmund, hatte 1989 mit unerschrockenen Gleichgesinnten den SFDzV gegründet, den Förderkreis Sozialer Friedensdienst zur Völkerverständigung mit Osteuropa. Was war sein Anliegen? Helmut Kohl und Michail Gorbatschow hatten am 13.06.1989 im Kanzleramt in Bonn eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, in der auch die Rede war von den „Bauelemente[n] des Europas des Friedens und der Zusammenarbeit“. Zu diesen Bauelementen gehörten für sie: „Der Ausbau von direkten Kontakten zwischen der Jugend und die Verpflichtung der nachwachsenden Generationen auf eine friedliche Zukunft.“ Eine solche Politik entspreche „dem tiefen und langgehegten Wunsch der Völker, mit Verständigung und Versöhnung die Wunden der Vergangenheit zu heilen und gemeinsam eine bessere Zukunft zu bauen.“ [2] Alf Seippel wollte diese hehren Ziele vom Papier in die Realität überführen und mit seinem Verein junge Deutsche zu mindestens zwölfmonatigen Freiwilligendiensten in soziale Projekte in Russland und Belarus entsenden. 1990 reiste der erste nach Moskau aus, insgesamt sollten über die Jahre 140 junge Männer und Frauen mit dem SFDzV ihren Dienst in Russland, Belarus und Rumänien leisten. Einige davon sind heute auch hier unter uns.

„Meist riecht die Geschichte verbrannt“, schrieb Serhij Zhadan in dem eingangs zitierten Text. Zu den Wunden, die Deutsche in Osteuropa geschlagen haben, in der Ukraine wie in Belarus, zählen die verbrannten Dörfer. Der Berliner Historiker Johannes Spohr hat zu den verbrannten Dörfern in der Ukraine geforscht. Er zitiert in einer Arbeit zur Zentralukraine aus dem Brief eines Wehrmachtinfanteristen an seine Ehefrau über die Lage am Dnipro vom 21. September 1943:

„Auf dem gegenüberliegenden Ufer des Flusses brennt alles bereits seit Tagen lichterloh, denn Du mußt wissen, daß alle Städte und Dörfer in jenen Gebieten, die wir jetzt räumen, in Brand gesteckt werden, auch das kleinste Haus im Dorf muß fallen. Alle großen Gebäude werden gesprengt. Der Russe soll nichts mehr als ein Trümmerfeld vorfinden.“ [3]

Von der ukrainischen Zivilbevölkerung auf dem Lande ist hier mit keinem Wort die Rede. Dabei stand das „kleinste Haus im Dorf“ ja nicht leer, es war bewohnt. Etablierte Begriffe wie „verbrannte Erde“, oder „verbrannte Dörfer“ blenden aus, dass mit den Dörfern häufig auch die Dorfbewohner verbrannt wurden.

Beim Vorbereitungsseminar für unseren Freiwilligendienst in Osteuropa zeigte uns Alf Seippel den Film Komm und sieh von Elem Klimow, einige von Ihnen werden ihn kennen. Der Filmtitel geht zurück auf Kapitel 6 der Johannes-Offenbarung. Dort öffnet das Lamm die sieben Siegel des Buches, auf seinen Ruf „Komm und sieh“ erscheinen nacheinander die vier Reiter der Apokalypse und mit ihnen Krieg, Mord und Totschlag. In Klimows Film zeigt sich die Apokalypse ganz konkret in der bestialischen Ermordung von Bewohnern eines belarussischen Dorfes, darunter Kinder, Frauen und Greise, die in die Dorfkirche gesperrt und bei lebendigem Leib verbrannt werden. Ales Adamowitsch, der in enger Zusammenarbeit mit Regisseur Klimow das Drehbuch schrieb, wusste bestens über diese Kriegsverbrechen Bescheid. Mit seinen Schriftstellerkollegen Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik hatte er zwischen 1970 und 1973 147 Dörfer in der gesamten Republik bereist, um die Stimmen von Überlebenden der belarussischen „Feuerdörfer“ aufzuzeichnen und zu dokumentieren. 1975 war ihr großes, dokumentarisches Erinnerungsbuch in Minsk erschienen [4], eine Übersetzung ins Deutsche blieb aus, in DDR wie BRD. 2021 schlug ich es dem Aufbau-Verlag zur Übersetzung vor, am 22. Februar 2022, vor fast genau vier Jahren, bekam ich den Übersetzungsvertrag für Feuerdörfer [5]. In der Nacht vom 23. auf den 24. Februar wandte sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Fernsehansprache an die Menschen in Russland:

„Der Krieg ist ein furchtbares Übel. Und dieses Übel hat einen hohen Preis, in jeder Hinsicht. Menschen verlieren Geld, ihren Ruf, ihr tägliches Auskommen, ihre Freiheit. Aber das Wichtigste ist: Sie verlieren ihre Nächsten. Sie verlieren sich selbst. Im Krieg fehlt es immer an allem. Im Überfluss gibt es nur dies: Schmerz, Schmutz, Blut und Tod, tausendfachen, zehntausendfachen Tod.“ [6] Wenige Stunden später startete Russland seine groß angelegte Invasion.

Während ich die Zeugnisse von Opfern der Wehrmachtsverbrechen in Belarus während des Zweiten Weltkriegs einem deutschsprachigen Publikum zugänglich machen wollte, wurden von russischen Streitkräften in der Ukraine grausame Kriegsverbrechen begangen, rückten Ortsnamen wie Irpin, Butscha, Kramatorsk, Krementschuk oder Isjum in unser Bewusstsein. Immer wieder überlagerten sich in meinem Kopf die Bilder aus zwei Kriegen, zwischen denen zwar ein zeitlicher Abstand von 80 Jahren liegt, die aber im selben geografischen Raum entstanden sind. Ähnlich erging es meiner Kollegin Christiane Körner, die an der Neuübersetzung eines Romans von Anatoli Kusnezow arbeitete, Augenzeuge der Besetzung Kyjiws und des Massakers von Babyn Jar im Herbst 1941. Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen [7] ist kürzlich in der unzensierten Fassung auf Deutsch erschienen. In ihrem Kommentar zur Neuübersetzung schreibt Christiane Körner:

„Für mich als Übersetzerin war und ist es eine nahezu schizophrene Erfahrung, wie die Dinge im Denken und Fühlen zusammenschießen: Frontverläufe 1942 und 2022, ausgemergelte Kriegsgefangene in Kusnezows Beschreibungen und auf Fotos ukrainischer Heimkehrer aus russländischer Gefangenschaft, von Deutschen damals zerstörte und von Russen heute zerbombte ukrainische Kulturgüter. Zu dem Schmerz wegen des aktuellen Leids in der Ukraine, diesem gepeinigten Bloodland, gesellt sich Wut und Empörung über die schamlosen Geschichtslügen der russischen Propaganda, die in einer grotesken Täter-Opfer-Umkehr die Ukrainer als Faschisten und den eigenen Angriffskrieg als Bekämpfung des Faschismus, als Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs hinstellt.“ [8]

Historische Parallelen zwischen beiden Kriegen zu ziehen ist hochproblematisch. Erst Anfang Februar hat der russische Chefdiplomat Sergej Lawrow ganz unverhohlen einen Zusammenhang hergestellt und öffentlich behauptet: „Die deutsche Regierung leugnet nicht länger, dass ihr Verhältnis zu unserem Land getrieben ist von Revanchegelüsten aufgrund früherer Niederlagen.“ [9]

Welten liegen zwischen dieser Haltung der heutigen russischen Außenpolitik und dem gemeinsamen Bekenntnis Gorbatschows und Kohls zu einem Europa des Friedens und der Zusammenarbeit, zu Verständigung und Versöhnung. Als ich 1997 den Kriegsdienst verweigerte, gab es noch eine funktionierende NATO, belastbare Abrüstungsabkommen, die USA als verlässlichen Partner und Sicherheitsgaranten der EU, die Bundeswehr schien verzichtbar. Wie stellt sich die Lage heute für unsere Kinder dar?

Für den 5. Dezember vergangenen Jahres rief ein nicht näher benanntes Bündnis auf zu einem Schulstreik „gegen die Wehrpflicht und alle Zwangsdienste“, auch hier in Leipzig. Auf einem Handzettel dazu stand unter anderem zu lesen: „Was ist eigentlich mit unserem Recht in Frieden zu leben und selbst zu entscheiden, wie wir unser Leben führen wollen?“

Können wir unseren Kindern, der jungen Generation solche Fragen verdenken? Ist es nicht unser aller legitimer Wunsch, selbstbestimmt und in Frieden zu leben? Aber den Jugendlichen in der Ukraine wollen wir dieses Recht nicht zugestehen? Oder sollen sie es für uns richten?

Im vergangenen Bundestagswahlkampf bin ich an einem schlichten Plakatspruch hängengeblieben: „Frieden kostet Mut, Krieg kostet Leben.“ So eingängig und einleuchtend kommt dieser unschuldige Satz daher, dass man schnell geneigt ist, ihn zu unterschreiben. Dabei bleibt er ein Plakatsatz, bleibt plakativ. Wie viel Mut kostet es, in Deutschland ein solches Plakat aufzuhängen? Wer stünde nicht lieber auf der Friedensseite? Wer will denn Krieg? Mitunter beschleicht einen das Gefühl, den Ukrainerinnen und Ukrainern würde unterstellt, sie wollten den Frieden nicht. Und wenn sie von sich aus die Kampfhandlungen nicht einstellten, dann müssten wir eben unsere Unterstützungsleistungen stoppen, auf dass endlich Friede werde. Aber die Menschen in der Ukraine führen ihren verzweifelten Kampf doch nicht seit Jahren, weil sie so kriegsbegeistert wären. Sie wurden unter Verletzung des Völkerrechts angegriffen, Teile ihres Landes sind besetzt, die in der Orangenen Revolution und während des Euro-Maidan teuer errungenen Freiheiten, die staatliche Souveränität stehen auf dem Spiel. Machen wir es uns mit dem simplen Gegensatzpaar Krieg-Frieden nicht allzu einfach?

Der Krieg ändere nicht nur das Vokabular, er verändere auch die Farben, so Zhadan in seinem eingangs zitierten Text weiter: „Für viele Menschen verschwinden ein für alle Mal die Schattierungen, plötzlich ist die Welt schwarz-weiß, fest umrissen, streng konturiert.“ [10]

Schwarz-weiß, Freund-Feind, wir-sie. Es existiert nur noch ein binärer Code, der alternativlos erscheint. Den Eintrag aus seinem Luhansker Tagebuch vom 09.06.2015 überschreibt Zhadan mit „Wir und sie“. Darin beschreibt er, wie rasch dieses binäre Denken und Sprechen um sich greift, die Frontlinie sich auch hier verfestigt: „Wir sind hüben, sie drüben. Wir wissen nicht so richtig und verstehen auch nicht so ganz, was sich dort, hinter diesen Schranken, abspielt. Das Einzige, was wir sicher wissen, ist, dass sie drüben sind. Das Wort sie sprechen sie im Übrigen ebenso mühelos aus. Und meinen damit uns. Die Einteilung ist strikt, Nuancen gibt es keine – auf der anderen Seite der Front sitzen die Feinde. […] Der tagtägliche Wahnsinn, die tagtägliche Idiotie, der tagtägliche Versuch, zu leben und dabei die Wirklichkeit verbissen zu ignorieren, verstärken nur die gegenseitige Ablehnung und Entfremdung. Jeder Tote an der Front schürt den Hass, jedes zerbombte Haus provoziert Flüche, jeder Tag im Widerstreit ist ein weiterer Baustein an der endlosen Mauer, die wir jetzt zwischen uns errichten. […] Und Tatsache ist, dass die Mauer immer höher wird, die Einblicke immer schwieriger werden und das Gesehene immer unverständlicher.“ [11]

So schrieb Zhadan 2015. Die Mauer ist seither erheblich gewachsen. Gelingt es uns, die wir mehr Abstand zu diesem Krieg haben, Schattierungen und Nuancen wahrzunehmen? Zwischentöne im Schwarz-Weiß auszumachen?

Immer wieder wird davor gewarnt, es dürfe in der Ukraine nicht zu einem faulen, einem schmutzigen, einem ungerechten Frieden kommen. Vor wenigen Tagen sagte der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk im Leipziger Literaturhaus Frieden ohne Freiheit sei kein Frieden. Was macht einen würdigen, einen gerechten Frieden aus?

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat versucht, eine überarbeitete, an die neuen Herausforderungen angepasste „Evangelische Friedensethik“ zu formulieren. 2025 erschien nach einem längeren Verständigungsprozess in der Evangelischen Verlagsanstalt in Leipzig die Denkschrift Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick[12]. Sie versteht sich ausdrücklich nicht als Dogma, sondern als Einladung zum informierten Durchdenken, als Ermutigung zur eigenverantwortlichen Urteilsbildung. Man könnte sie auch als Leitfaden zur Friedenstüchtigkeit bezeichnen. Gerechter Friede entfalte sich in vier einander bedingenden Dimensionen, ist darin zu lesen. Unabdingbare Voraussetzung, bzw. das „grundlegende Gut“, sei dabei der Schutz vor Gewalt. Dieser Gewaltschutz müsse aber stets einhergehen mit der Förderung von Freiheit (siehe Kowalczuk), mit dem Abbau von Ungleichheiten und einer friedensfördernden Koordination von Pluralität. Von zentraler Bedeutung sei, dass diese vier Dimensionen allesamt und zugleich berücksichtigt würden.

Wenn wir gerechten Frieden im Sinne der Denkschrift als einen Prozess verstehen wollen, in dem Gewalt ab- und Gerechtigkeit zunimmt, kann in die starre Krieg-Frieden-Opposition Bewegung kommen. Dann müssen wir nicht erst das Kriegsende und den Anbruch der Nachkriegszeit abwarten, ehe wir über eine friedliche Zukunft nachdenken können. Die Vorkriegszeit war gewiss keine ungetrübte Friedenszeit. Können wir dann nicht auch schon im Krieg Spuren einer Vorfriedenszeit erkennen? Einen solchen Blick von den Menschen im Krieg einzufordern, steht uns nicht zu. Aber uns, die wir diesen Krieg von Ferne beobachten, stünde es gut zu Gesicht, ihn selbst einzuüben. Außerdem dürfen wir dankbar für jeden sein, der schon im Krieg als unmittelbar Betroffener in der Lage ist, eine solche Perspektive einzunehmen. Serhij Zhadan konnte in seinem Luhansker Tagebuch 2015 bereits über das Ende des Krieges und über die Mauer hinausblicken. Ich hoffe und wünsche, er hat sich diesen Weitblick bewahrt. Er schrieb:

„Es wird damit enden, dass wir alle (wir, alle) früher oder später die Mauer abtragen müssen. Die ganze Mauer, Stein um Stein. Mit unseren eigenen Händen. Wie viel Zeit, wie viel Kraft, wie viel Nerven das kosten wird, machen wir uns nicht klar. Und sie sich genauso wenig.“ [13]

Vor wenigen Tagen habe ich mit Alf Seippel, inzwischen 88 Jahre alt, telefoniert. Er versucht, angesichts der vielen abgerissenen Kontakte nach Belarus und Russland nicht zu hadern. Es gab ein historisches Zeitfenster der Öffnung, das wurde genutzt. In vielen jungen Menschen wurde etwas angelegt, das seither reift. Früchte getragen hat es ganz konkret in zwei Vereinen, die ehemalige Freiwillige nach ihrem Dienst gegründet haben und die nun in die belarussische und russische Zivilgesellschaft hinein wirken. Wir brauchen solche Friedensarbeiter, vielleicht mehr denn je.

Etwa 10.000 Ukrainer*innen leben in Leipzig. Nehmen wir sie wahr? Ich habe einige meiner ukrainischen Bekannten nach ihrer Situation befragt und will hier stellvertretend Mila zu Wort kommen lassen. Sie strandete im März 2022 mit ihren drei Töchtern in Leipzig. Die ersten beiden Jahre habe sie in einer Art Schockzustand verbracht. Sie habe sich gefühlt, wie ein ausgerissener Baum, den man vergessen hat, wieder einzupflanzen. In Gedanken ist sie immer noch viel bei der Familie in der Ukraine, bei ihrer 77-jährigen Mutter, der jetzt neben den unruhigen Bombennächten auch noch die Strom- und Heizungsausfälle zu schaffen machen. Mila hat Angst, Zukunftspläne zu schmieden nach der Erfahrung, dass sich von einem Moment auf den anderen alles radikal ändern kann. An eine Rückkehr mit den Kindern ist gerade nicht zu denken, aber sie sorgt sich, dass sich auch hier die politische Lage zuspitzen könnte und ihre Bleibeperspektive entfällt. Dabei hat sie Leipzig liebgewonnen und wird die Stadt vermissen, wenn der nächste Ortswechsel ansteht.

Wir sollten solche Stimmen hören, diese Erzählungen an uns heranlassen. Gelegenheiten gibt es genug, aktuell etwa bei einer Fotoausstellung in der Universitätsbibliothek Albertina zu ukrainischen Jugendlichen im Krieg oder gleich im Anschluss beim Café Ukraїna im Polnischen Institut am Marktplatz. Auch bei uns gilt es, Mauern abzutragen und über das Wir-Sie-Denken hinauszukommen. Auch das ist Friedensdienst. Die Herausforderung für uns ist ungleich leichter zu bewältigen als die für die Menschen im Kriegsgebiet.

Ich möchte schließen mit Anatoli Kusnezow und seinem Roman eines Augenzeugen. In der aktuellen Ausgabe sind die ursprünglich von der Zensur gestrichenen Passagen kursiviert, nachträgliche Ergänzungen des Autors stehen in eckigen Klammern. Das massiv von Streichungen betroffene Schlusskapitel endet mit einem von der sowjetischen Zensur getilgten Absatz:

Werden wir jemals verstehen, dass das Wertvollste auf der Welt das Leben des Menschen und seine Freiheit ist? Oder steht uns eine neue Barbarei bevor?

Mit diesen Fragen breche ich mein Buch am besten ab.

Es folgt der Schlusssatz: „Ich wünsche euch Frieden.“ Später vom Autor ergänzt um den Zusatz: „[Und Freiheit.]“

Veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung von Thomas Weiler.

Verweise

[1] Serhij Zhadan: Kaplane und Atheisten. In (ders.): Warum ich nicht im Netz bin. Gedichte und Prosa aus dem Krieg. Übers. Claudia Dathe und Esther Kinsky. Berlin: Suhrkamp, 2016, S. 11‒13 [11].

[2] Bundesregierung: Staatsbesuch des Generalsekretärs des Zentralkomitees der KPdSU vom 12. bis 15. Juni 1989. Gemeinsame Erklärung.

https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/staatsbesuch-des-generalsekretaers-des-zentralkomitees-der-kpdsu-vom-12-bis-15-juni-1989-403466 [Stand: 13.02.2026]

[3] Johannes Spohr: Abgebrannte Dörfer: Erfahrungen in der Zentralukraine. In: Forian Wieler, Frédéric Bonnesoeur (Hgg.): Verbrannte Dörfer. Nationalsozialistische Verbrechen an der ländlichen Bevölkerung in Polen und der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Berlin: Metropol 2024, S. 217–240 [217].

[4] Ales’ Adamovič, Janka Bryl’, Uladzimir Kalesnik: Ja z vohnennaj vëski… Minsk: Mastackaja litaratura, 1975.

[5] Ales Adamowitsch, Janka Bryl, Uladsimir Kalesnik: Feuerdörfer. Wehrmachtsverbrechen in Belarus – Zeitzeugen berichten. Übers. Thomas Weiler. Berlin: Aufbau, 2024.

[6] Ansprache des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelens’kyj an das russische Volk. Aus dem Russischen von Volker Weichsel. In: zeitschrift-osteuropa.de/blog/rede-von-volodymyr-zelenskyj [Stand: 10.09.2024].

[7] Anatoli Kusnezow: Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen. Übers. Christiane Körner. Berlin: Matthes & Seitz 2026.

[8] Christiane Körner: Eine Zumutung, gerade auf Deutsch. Kurzer Kommentar zur Neuübersetzung von Anatoli Kusnezows Babyn Jar. In: Anatoli Kusnezow: Babyn Jar. S. 489‒495 [490].

[9] Otvety Ministerstva inostrannych del Rossijskoj Federacii na voprosy SMI, postupivšie k press-konferencii Ministra inostrannych del Rossii S.V.Lavrova po itogam dejatel’nosti rossijskoj diplomatii v 2025 godu. 03.02.2026.

https://germany.mid.ru/ru/press-centre/news/otvety_ministerstva_inostrannykh_del_rossiyskoy_federatsiinavoprosy_smi_postupivshie_k_press_konfe/ [Stand: 13.02.2026].

[10] Serhij Zhadan: Kaplane und Atheisten. S. 12.

[11] Serhij Zhadan: Luhansker Tagebuch. In (ders.): Warum ich nicht im Netz bin. S. 107‒167 [160f.].

[12] EKD (Hg.): Welt in Unordnung ‒ Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen. Eine Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2025.

[13] Serhij Zhadan: Luhansker Tagebuch, S. 162.

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