Zuhören, was der andere zu sagen hat

Eine Veranstaltung des Christian Führer & Friedrich Schorlemmer-Freundeskreises in Leipzig.

Ralf-Uwe Beck eröffnete mit einer Lesung

Sein Buch ist ein Plädoyer für den mündigen Bürger. Es geht um die direkte Demokratie, aber auch darum, was jeder und jede zum Erhalt unserer Demokratie beitragen kann. In diesen Tagen und Wochen vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin ist eine solche Ermutigung wichtiger denn je. Für den Christian Führer & Friedrich Schorlemmer-Freundeskreis ein Grund mehr, Ralf-Uwe Beck zu einer Veranstaltung nach Leipzig in die DenkmalWerkstatt der Stiftung Friedliche Revolution einzuladen.

Unter dem Thema „Aufrecht stehn – trotz alledem! – Wieviel Teilhabe braucht unsere Demokratie?“ las er aus seinem jüngst erschienen Buch „Souverän. Plädoyer für mehr direkte Demokratie“ und diskutierte danach mit dem langjährigen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse. Mit im Podium saßen Melanie Haller vom Netzwerk für Demokratische Kultur in Wurzen und Edmund Schulz von der Neuen Generation in Berlin.  Die Berliner Cellistin Veronika Otto berührte mit ihrer Musik. Der helle Raum mit den eindrücklichen Fotos von der Friedlichen Revolution im Leipziger Hansahaus nahe der Nikolaikirche war bis auf den letzten Stuhl besetzt.

Doch an diesem Nachmittag des 7. Juni kam ein weiteres Foto hinzu. Es ging 1989 um die Welt. Moderatorin Annette Berger, die zur Initiativgruppe des Freundeskreises gehört, hatte es aus Anlass der Zusammenkunft groß an die Wand projiziert: es zeigt eine Gruppe junger Menschen, die am 7. Juni 1989 die Ost-Berliner Sophienkirche verlassen hatte, um auf der Straße gegen Wahlbetrug und für freie Wahlen in der DDR zu demonstrieren. Wie erwartet, kamen sie nicht weit, wurden festgenommen und verhört. Aber sie brachten einen Stein ins Rollen, der im Herbst 1989 in der Friedlichen Revolution mündete.

Wolfgang Thierse im Gespräch

Wolfgang Thierse im Gespräch

Moderatorin Annette Berger

Moderatorin Annette Berger

Erinnerung an Friedrich Schorlemmer und Chrsitian Führer.

Erinnerung an Friedrich Schorlemmer und Chrsitian Führer.

Im Herbst 1989

 

Nur gut neun Monate später sollten ihre Forderungen mit der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 bereits wahr werden. Ralf-Uwe Beck erinnert sich genau an den Tag. Er war 28 Jahre alt. So wie vielen anderen, die damals eines der Wahllokale zwischen Ostsee und Thüringer Wald betraten, ging es auch ihm: Es war dieses Gefühl, dass sich jetzt verwirklicht, wofür sie auf den Straßen demonstriert hatten. Und er spürte, dass es auf jeden und jede ankommt, wenn die Vision von einer freien, demokratischen und gerechten Gesellschaft wahr werden soll.

Podiumsgespräch, u.a. mit Ralf-Uwe Beck und Wolfgang Thierse

Doch wie steht es heute damit? Diese Frage zog sich – 37 Jahre später – durch die gut zweistündige Veranstaltung des Freundeskreises. „Der Souverän scheint im Wartezimmer abgestellt“, so das Resümee von Ralf-Uwe Beck. Schon bei den Koalitionsverhandlungen nach den vergangenen Bundestagswahlen sei sein Interesse schnell in Ernüchterung und Langeweile umgeschlagen, weil das Wahlvolk nach der Stimmabgabe kaum noch gefragt scheint. „Dabei gibt es eine verbindliche Möglichkeit, sich einzusetzen, notfalls sogar, sich durchzusetzen: nämlich durch direkte Demokratie“, betont der engagierte Autor und Bundesvorstandssprecher des Vereins „Mehr Demokratie e.V.“.  Parlamentswahlen und direkte Demokratie dürften allerdings nicht gegeneinander ausgespielt werden. Denn das eine sei das Standbein, das andere das Spielbein unserer Demokratie.

Aber um ein gegenseitiges Ausspielen ging es auch Wolfgang Thierse nicht. Er verwies vielmehr auf ein ganz anderes Problem in unserer Demokratie – und zwar die mediale Spaltung unserer Gesellschaft. Die sei „ein unheimlich dramatischer Vorgang“, sagte er. Denn letztlich gehe es um die Spaltung der Wahrnehmung und darum, was Wirklichkeit sei. So erzeugten bestimmte sozialen Medien „Echoräume“ der Vorurteile, die mit unserem Leben nichts zu tun haben, schürten künstliche Empörung und trügen so zur Spaltung bei. Auf diese Weise werde Verständigung unmöglich gemacht. Demokratie aber lebe vom Gespräch und der Bereitschaft eines jeden zum „Zuhören, was der andere zu sagen hat“.

Berliner Cellistin Veronika Otto
Berliner Cellistin Veronika Otto
Gute Stimmung am Bücher- und Informationstisch
Gute Stimmung am Bücher- und Informationstisch

Und worum geht es inhaltlich? Die Kritik der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Dominanz des Geldes, an der Unterwanderung der Demokratie sowie an einer neoliberalen Politik war nicht zu überhören. „Wir fühlen uns nicht gehört“, erklärte eine Ärztin aus Leipzig und beklagte, dass der Dialog zwischen Regierenden und Regierten immer schwerer werde. Ralf-Uwe Beck indes setzt auf die Zivilgesellschaft. Wo, wenn nicht hier, kann Demokratie verteidigt werden? Exemplarisch dafür standen an diesem Tag das „Netzwerk für Demokratische Kultur“ im sächsischen Wurzen und die „Neue Generation“ in Berlin.

Die Berichte von Melanie Haller und Edmund Schulz über die Arbeit ihrer Initiativen für eine demokratische Gesellschaft hat nicht nur Einblicke in deren vielfältiges Engagement aufgezeigt. Sie machten auch deutlich, wie dringlich solche Initiativen, aber auch Austausch und Vernetzung miteinander sind.

Dazu will auch die Stiftung Friedliche Revolution mit ihrem Christian Führer & Friedrich Schorlemmer-Freundeskreis beitragen, der mit seinen beiden Namensgebern nicht nur auf zahlreiche Impulse verweisen kann, sondern auch auf mutmachende Erfolge, die gleichermaßen für die Arbeit dringend notwendig sind

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