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"Wenn der Glaube Berge versetzt"

» Andacht von Ruth Misselwitz beim Deutschen Evangelischen Kirchentag am 2. Juni 2011 in Dresden

Und Maria sprach:

Meine Seele lobt die Lebendige,
und mein Geist jubelt über Gott, die mich gerettet hat.
Sie hat auf die Erniedrigung ihrer Sklavin geschaut.
Seht, von nun an werden mich alle Generationen glücklich preisen,
denn Großes hat die göttliche Macht an mir getan,
und heilig ist ihr Name.
Ihr Erbarmen schenkt sie von Generation zu Generation
denen, die Ehrfurcht vor ihr haben.
Sie hat Gewaltiges bewirkt.
Mit ihrem Arm hat sie die auseinander getrieben,
die ihr Herz darauf gerichtet haben,
sich über andere zu erheben.
Sie hat Mächtige von den Thronen gestürzt und
Erniedrigte erhöht,
Hungernde hat sie mit Gutem gefüllt
und Reiche leer weggeschickt.
Sie hat sich Israels, ihres Kindes, angenommen
und sich an ihre Barmherzigkeit erinnert,
wie sie es unseren Vorfahren zugesagt hatte,
Sara und Abraham und ihren Nachkommen für alle Zeit.

Das Magnificat, der Lobgesang der Maria - hier in einer Übersetzung aus der Bibel in gerechter Sprache -
gehört zu den beliebtesten und bekanntesten Texten des 2. Testamentes.

In diesem Lied erscheint uns eine Maria, die selbstbewusst, rebellisch und aufsässig
ihr Schicksal als erniedrigte Sklavin beschreibt, die unter der Last der Mächtigen und Gewalttätigen zu leiden hat.

Ein Schicksal, das sie mit unzähligen Frauen teilt, die unter der römischen Besatzung und deren militärischer Gewalt leben müssen.

Mutig macht sie ihren Mund auf und spricht das aus, was sonst keiner auszusprechen wagt. Sie kündigt in dem Anbruch des
Reiches Gottes die Umkehr der sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse an - den Sturz der Mächtigen,
der Gewalttätigen und der Hochmütigen von ihren Thronen.

Die Hungernden dagegen werden satt werden, die in ihrer Menschenwürde Verletzten werden wieder geheilt und zu Ehren kommen.

Ihr Schicksal als erniedrigte Frau bindet sie an das Schicksal all derer, deren Leben und Würde missachtet und getreten wird.

Als Prophetin kündigt sie den Einbruch des Reiches Gottes an, der dann in der Praxis Jesu und seiner Verkündigung Wirklichkeit wird:
"Der Geist Gottes ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen den Armen die frohe Botschaft.
Er hat mich gesandt auszurufen: Freilassung den Gefangenen und den Blinden Augenlicht. Gesandt, um die Unterdrückten zu befreien, auszurufen ein Gnadenjahr Adonajs" Luk. 4,18,19) –
mit diesen programmatischen Worten beginnt Jesus in Nazareth seine öffentliche Wirksamkeit.

Durch die Jahrhunderte hindurch haben Frauen wie Männer aus diesen Worten Kraft geschöpft, um gegen Gewalt, Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu protestieren.

Eine rebellische Maria gibt den lateinamerikanischen Frauen und Männern in den befreiungstheologischen Gemeinden Halt und Entschlossenheit in ihrem Kampf um Grund und Boden.

Solch eine Maria gibt den erniedrigten Frauen in Afrika, die wegen Vergewaltigung und Aids missachtet und ausgegrenzt werden, wieder ihre Würde zurück.

Solch eine politisch starke Maria war auch uns in der DDR in den Friedens- und Umweltgruppen Orientierung und Kraftquelle.

Frauen, die sich nicht länger demütigen lassen,
die sich gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit wehren,
die aufstehen und ihr Schicksal selber in die Hand nehmen,
wir treffen sie über all auf der Welt.

Umida Nijasowa z.B. – eine Mutter von zwei Kindern und Menschenrechtsaktivistin aus Usbekistan, die die usbekische Regierung anklagte wegen eines Massakers an friedlichen Demonstranten und deshalb verhaftet und gefoltert wurde.

Rosy Bindi – eine engagierte Linkskatholikin und Politikerin in Italien, die mutig das brutal sexistische Frauenbild von Silvio Berlusconi und seinen Amtsmissbrauch anprangert, sich für die Anerkennung homosexueller Lebenspartnerschaften einsetzt und neben Berlusconi nun auch den Papst zum Gegner hat.

Asmaa Mahfouz – sie gilt als die Auslöserin der ägyptischen Revolution. Über facebook rief sie auf, am 25. Januar auf den Tahrir-Platz in Kairo zu kommen, um gegen Demütigung, Hunger und Armut zu protestieren. Am 18. Januar ging sie mit einer Fahne alleine über den Tahrir-Platz, drei junge Männer gesellten sich dazu, alle vier wurden vorläufig festgenommen. Am 25. Januar folgten ihrem Aufruf Hundertausende Menschen. Bis heute steht die mutige Frau an der Spitze derer, die fordern, dass Frauen an der Regierung beteiligt werden.


Tawakul Karman – Mutter drei kleiner Kinder und  Menschenrechtsaktivistin im Jemen, die an der Spitze von Demonstrationszügen zu finden ist. Nachdem der Staatspräsident die Frauen aufgefordert hat, von der Straße fernzubleiben, weil es gegen den Islam verstößt, wenn Frauen sich bei Demonstrationen unter die Männer mischen, ging sie mit 10 000 jemenitischen Frauen auf die Straße und kämpft bis heute um die Rechte der Frauen im Jemen.

Alles nachzulesen in Publik-Forum.

Frauen, die sich nicht länger hinter verschlossenen Türen verstecken,
die hinausgehen und um ihre Zukunft und die ihrer Kinder kämpfen, begegnen uns allerorts.

So auch wir, die "Frauen für den Frieden", die öffentlich in der DDR gegen eine beabsichtigte Wehrpflicht für Frauen protestiert haben und somit das Gesetz verhindert haben.

Gewalt gegen Frauen, Kinder, alte Menschen und Arme speist sich aus der gleichen Quelle, wie die Gewalt gegenüber der Natur.

Die Reduzierung der Natur auf eine Quelle von Gewinn und Macht und deren rücksichtslose Ausbeutung spiegelt sich in dem weltweiten Frauenhandel wieder, der Frauen versklavt und erniedrigt und sie nur als eine Finanzquelle missbraucht.

Es ist das perverse Allmachtsdenken, das die Erde verwüstet und die zwischenmenschlichen Beziehungen zerstört.

Es ist das fehlende Rechtsempfinden und Verantwortungsbewusstsein von Finanzmanagern und Menschen in politischen Schlüsselpositionen  gegenüber den Schwachen, den Ausgegrenzten, den Erniedrigten dieser Welt, das die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden lässt.

Aber der Einbruch des Reiches Gottes kündigt einen radikalen Umsturz an:

"Sie hat Mächtige von den Thronen gestürzt und
Erniedrigte erhöht,
Hungernde hat sie mit Gutem gefüllt
und Reiche leer weggeschickt."

Der Glaube an diese Kraft versetzt Berge.
Die Geschichte hat es immer und immer wieder gezeigt.

Der Glaube an Veränderung gibt sich nicht mit der Realität zufrieden,
er stellt die Realität in Frage und kehrt das Unterste zu Oberst.

Lasst uns mit Maria den Lobgesang singen gemeinsam mit allen Frauen und Männern,
die ihre Demütigung nicht länger hinnehmen
und aufstehen für eine gerechte, eine friedliche, eine gewaltlose Welt.

Ruth Misselwitz gehört dem Kuratorium der Stiftung Friedliche Revolution an. Sie ist Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde in Berlin-Pankow und gehörte Anfang der 80er Jahre zu den Initiatoren des Pankower Friedenskreises und der Gruppe "Frauen für den Frieden". Von 2001 bis 2010 war sie Vorsitzende der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste.