Wir Gehen Weiter

Impulse für den zweiten Teil der Friedlichen Revolution

» Dankesrede von Christian Führer bei Entgegennahme des Regine-Hildebrandt-Preises
am 6. Mai 2011 in Bielefeld

Sehr geehrte Damen und Herren,liebe Mitmenschen!In einem Interview wurde Regine Hildebrandt gefragt: "Wenn Sie nicht Ministerin im Land Brandenburg wären, sondern eine biblische Figur sein könnten – haben Sie Lust, irgendeine zu sein?"

Antwort:
"Ich würde gern Martha sein und würde aber den Part von Maria doch noch ein wenig mitspielen wollen..." Martha, Maria und Lazarus, drei Geschwister aus Bethanien, mit denen JESUS befreundet war.
Martha: praktisch, anpackend, mit dem Blick für das, was jetzt getan werden muss.
Maria: mit dem Gespür für den Augenblick, in dem man alles aus der Hand legen muss, um gesprächs- und hörbereit zu sein (Luk. 10, 38-42).


JESUS lobt Maria dafür ausdrücklich.


Aber da gibt es noch die andere, schwere Situation. Der Bruder Lazarus ist schwer erkrankt. Er stirbt, noch bevor JESUS eintrifft. Maria ist so voller Trauer, dass sie im Haus bleibt. Martha ist es, die JESUS entgegen geht. Und die erstaunlichen Worte sagt: "HERR, wärest DU hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Aber auch so weiß ich: Was DU von GOTT erbittest, das wird DIR GOTT geben." (Joh. 11,21/22)


JESUS zu ihr: "Dein Bruder wird auferstehen." Martha nickt, ordnet das ein in das von Kind an Gelernte: "Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage."
Doch jetzt, mit der Antwort JESU, bricht das Gelernte, Vertraute, Bekannte zusammen, wird das Gewohnte unerwartet aufgebrochen: "ICH bin die Auferstehung und das Leben. Wer an MICH glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt..." Diese Worte JESU sind so ungeheuer neu. Da  kann Martha nicht mehr auf Gelerntes und Tradiertes zurückgreifen.


Was soll, was kann man dazu überhaupt sagen?


Sie gibt eine unerhörte Antwort: "Ja, HERR, ich glaube, dass DU der CHRISTUS bist, der SOHN GOTTES, DER in die Welt gekommen ist." (Joh. 11, 24-27)

Dieses unglaubliche Bekenntnis Marthas ist dem des Petrus ebenbürtig.
Aus dem Bekenntnis des Petrus wurde in der Kirchengeschichte das Amt des Papstes mit seinem Machtanspruch entwickelt.
Aus dem Bekenntnis der Martha wurde in der Kirchengeschichte -  nichts gemacht.
In zwei der drei großen Kirchen werden bis heute Frauen nicht einmal ordiniert, geschweige denn, dass sie Superintendentin oder gar Bischöfin werden könnten! Und in der einen, der Ev.-Luth. Kirche sowie den anderen evangelischen, geschah die Frauenordination auch erst nach dem 2. Weltkrieg, spät genug, aber immerhin doch!
So bleibt dem Beispiel und Vorbild Marthas weitgehend die Würdigung vorenthalten...
Nur Menschen, die unabhängig genug sind, sich nicht mit Klischees abzufinden, Frauen wie Regine Hildebrandt, nehmen Martha wahr in ihrer Bedeutung. Regine Hildebrandt, die selbst praktisch, direkt und ohne Schnörkel ihren Glauben überzeugend lebte, egal was für Fahnen draußen gerade wehten, und die in ihren verantwortungsvollen und aufregenden Ämtern das Wagnis des Glaubens für neue, ungewöhnliche Schritte einging.

Denn "Salz der Erde" soll'n wir sein. Und unser Reden sei klar und eindeutig, ja ja und nein nein. Weil die unerträgliche Ausgewogenheit vieler kirchlicher Verlautbarungen niemandem auf die Füße tritt noch auf die Füße hilft. Darum wäre Regine Hildebrandt auch gern mit Luther in einen Erfahrungsaustausch getreten. Der hat ja wirklich deutlich Klartext geredet (keine Angst, ich zitiere jetzt nichts!), dem Volk aufs Maul geschaut und denen da oben auf die Füße getreten, wo es nötig war.


"Ihr seid das Salz der Erde", sagt JESUS (Matth. 5,13).


Nicht die Oberschicht, nicht die Creme der Gesellschaft, nicht Selbstzweck.
Ihr seid zum Salzen, zum Wirken mitten unter den Menschen da, mischt euch ein, bleibt nicht in euren Kirchen hocken. Sondern "Geht hin in alle Welt..." (Matth. 28,19) und bringt die Gute Nachricht GOTTES unter die Menschen. Ihr seid die, die die Welt braucht, das lebenswichtige Mineral für die Gesellschaft und zugleich die Problemanzeige an deren Wundrändern.
 "Salz in einer Wunde brennt, tut ganz schön weh.
Und es dauert Stunden, eh der Schmerz vergeht.
Wunde Punkte heute, hier in unsrer Welt,
gibt es, liebe Leute, mehr als uns gefällt."

Es ist noch nicht so lange her, da wurden die gesellschaftlichen Übel für überwindbar und alle Probleme für lösbar gehalten. Die Grundanliegen der Aufklärung:
die Freiheit im Denken und Handeln, die Priorität von Wissen und Vernunft, denen Tugend und Gerechtigkeit wie selbstverständlich folgen werden, der Optimismus "der Mensch ist gut" und "die Welt ist erkenn- und veränderbar" sind vom Sozialismus und Kommunismus übernommen worden. Man war der Überzeugung, man könne durch Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse dem Bösen in der Welt die Grundlage entziehen und den Menschen das Böse gewissermaßen abgewöhnen mit der Zeit. Das alles scheiterte an der Realität der Welt, einer Welt, der sie selbst mit Haut und Haaren und allen Verbrechen verhaftet waren.
→ Der Realsozialismus ist durch Lenin und Stalin mit Millionen von Toten und einer entsetzlichen Unmenschlichkeit,
→ der Nationalsozialismus durch Hitler und Himmler mit Millionen von Toten, Krieg und fabrikmäßiger Ermordung ganzer Völker in den Abgrund gefahren.
Zuviel Lehrgeld für einen Traum, der an der Wirklichkeit vorbeigeht...
Nationalsozialismus und Realsozialismus als Albtraum des 20. Jahrhunderts.

Aber auch danach, in menschlicheren Systemen, selbst nach der wunderbaren Friedlichen Revolution von 1989, für immer und überall gilt:
Kein System und keine Zeit darf heilig gesprochen werden! Immer müssen die Systeme und Zeiten im Sinne JESU vermenschlicht werden! Immer neu werden Glaubenshoffnung, Gerechtigkeitswille und Mut zu notwendigen Veränderungen gebraucht. Darum gingen und gehen die Friedensgebete in der Nikolaikirche Leipzig weiter.
Einen Gesprächskreis "Hoffnung für Ausreisewillige" brauchten wir schon im November 1989 nicht mehr. Einen Kreis "Hoffnung für Erwerbslose" dafür um so mehr, aus dem folgerichtig die "Kirchliche Erwerbsloseninitiative Leipzig" entstand.

Die wunden Punkte der neuen Zeit wurden schnell deutlich:
Rechtsextremismus, der öffentliche Raum als Freiraum alltäglicher Gewalt, Ungleichbehandlung der Frauen, Generationenkonflikt, Hartz IV – Notlagen, Terrorismus, der Siegeszug des (blanken) schieren Materialismus, einhergehend mit einem beängstigenden Werteverfall, und Erwerbslosigkeit in Größenordnung.

→ Da muss Salz hinein!


Um die Wunden und faulen Stellen der Gesellschaft deutlich zu machen und aufzudecken, was zum Himmel stinkt. Die Arbeitslosigkeit z. B. ist kein Naturereignis, sondern immer menschengemacht und systembedingt. Sowohl die verdeckte Arbeitslosigkeit im DDR-Sozialismus mit seinem planmäßigen, unaufhaltsamen Untergang von Wirtschaft und Gesellschaft, wie auch die offene und verschleierte Arbeitslosigkeit der gegenwärtigen Wirtschaft und Gesellschaft mit ihrer Maxime: "Alles ist möglich, aber nichts ist mehr sicher."

Tiefgreifende Änderungen im Wirtschaftsystem sind nötig. Die Demokratie braucht eine gerechtere Wirtschaftsform als den Neoliberalismus mit den veralteten, immer gleichen Antworten einer vergehenden Epoche.
Die Banken- und Finanzkrise zeigt, dass dieses Finanz- und Wirtschaftssystem nicht wirklich zukunftsfähig ist, ja, dass sich die freie Marktwirtschaft gewissermaßen selbst entlarvt. Ihr gnadenloses Gesicht zeigt sich in permanenten Insolvenzen, Firmen-, Banken-  und Betriebspleiten. Ja, ganze Länder in Europa gehen pleite und müssen mit gewaltigen Milliardensummen gestützt werden, dass nicht Europa selbst zusammenbricht.
Schon dreieinhalb Jahrhunderte vor Karl Marx und 500 Jahre vor uns heute stellte Luther fest: Der Markt muss durch "Gesetz und Gewissen begrenzt" sein und den Menschen dienen, nicht umgekehrt, sonst wird der Mensch zur Ware.

→ Höchste Zeit zum Salzen! Denn der Globalkapitalismus, dessen Wurzelsünde die Anstachelung der Gier ist, treibt durch hemmungslose Profitgier und Ausbeutung von Mensch und Natur die Welt auf den Abgrund zu!
Salz in diese Wunde der Zivilisation! Salz hinein, um einen Reinigungs- und Heilungsprozess in Gang zu setzen!

Das geht nicht ohne Schmerzen, Einschnitte, Abstriche an unserem Wohlstand, Luxus und Lebensstil, den unser Land als Nutznießer dieses Systems noch gedankenlos und wie selbstverständlich genießt! Während im Februar in Ägypten die Bevölkerung ihr Leben einsetzte für Veränderung und Demokratie, reisten deutsche Urlauber ungerührt zum Baden ans Rote Meer in Ägypten!
Was kann solche Menschen – sie stehen nur als Beispiel für eine ganze Lebenshaltung – aus ihrer Wohlstandsselbstverständlichkeit und -überheblichkeit wach rütteln?

Evangelium und Auftrag JESU "Ihr seid das Salz der Erde" (Matth. 5,13) ("Wie jetzt, wir? Ja, wir!") ist Dauerauftrag an die weltweite Christenheit. Er muss von der gesamten Kirche als Impuls zum Leben, zum Weiterleben, zum Überleben in die Gesellschaft mit all ihren demokratischen Strukturen und in die Wirtschaft mit all ihren Möglichkeiten unüberhörbar eingegeben werden.
Der Impuls:
Eine Wirtschaftsform der "solidarischen Ökonomie" zu entwickeln, die die JESUS-Mentalität des Teilens praktiziert, des Teilens von Bildung, Arbeit, Einkommen und Wohlstand, in der der Mensch, nicht Geld und Profit an erster Stelle steht.
Eine gewaltige Aufgabe, gewissermaßen der 2. Teil der Friedlichen Revolution, dazu unter den erschwerten Bedingungen des Wohlstandes.

Wir haben darum die Stiftung gegründet "Friedliche Revolution – wir gehen weiter".
Wir wollen die Friedliche Revolution nicht ins Museum stellen, sondern ihre wunderbare Erfahrung – Unmögliches im GEIST JESU der Gewaltlosigkeit möglich zu machen – für den 2. Teil der Friedlichen Revolution nutzen.
Hören wir schon die ausgesprochenen oder unausgesprochenen Einwände von allen Seiten:   "Unrealistisch. Geht alles nicht. Naiv. Weltfremd. Zur bestehenden Marktwirtschaft gibt es nun mal keine Alternative..."
Alternativlos? War das nicht gerade erst das Unwort des Jahres, zu Recht?
Das alles höre ich mir gelassen an.
Denn genau das haben wir vor dem 9. Oktober 1989 auch schon zu hören bekommen:
"Ihr denkt doch nicht, dass ihr mit euren Kerzen und Gebeten was ändern könnt?"
Wir nicht, aber JESUS, DESSEN "Kraft in den Schwachen mächtig ist" (2. Kor. 12a) und DER uns die Kraft und Hoffnung gibt, das Salz der Veränderung zu sein! Und es wurde möglich, was nicht möglich war...
Und wenn uns Bedenken kommen – und uns Deutschen kommen immer Bedenken , wir sehen immer zuerst das Haar in der Suppe, und wenn wir keins sehen, dann schütteln wir so lange den Kopf, bis eins hineinfällt – wenn uns Bedenken kommen, was wir sollen und können oder nicht, dann denken wir daran – Martin Niemöller hat es formuliert:

"Wir haben nicht zu fragen,
wie viel wir uns zutrauen;
sondern wir werden gefragt,
ob wir GOTTES Wort zutrauen,
dass es GOTTES Wort ist
und tut, was es sagt."

Vertrauen wagen wie Martha, wie Regine Hildebrandt.
Damit wir leben, damit wir weiter leben können!

(Darauf sag' ich jetzt mal: Amen.)


Christian Führer gehört dem Vorstand der Stiftung Friedliche Revolution an. Von 1980 bis 2008 war er Pfarrer an der evangelischen Nikolaikirche von Leipzig, wo er maßgeblich die montäglichen Friedensgebete begleitete, die im Herbst 1989 zum Ausgangspunkt der friedlichen Großdemonstrationen auf dem Leipziger Altstadtring wurden.