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Bilder des Glaubens – Wie prägt das Christentum die Demokratie?

» Vortrag von Johanna Haberer beim Deutschen Evangelischen Kirchentag am 3. Juni 2011 in Dresden

Ich möchte in dieser kleinen halben Stunde keine systematische-theologischen Überlegungen zu der Beziehung Christentum und Demokratie vortragen, ich möchte mich auch nicht einlassen auf die schwierige Geschichte, die die Kirchen mit der Demokratie hatten und auf die langwierige Suche nach einer Kirche im Sozialismus. Ich möchte – das ist mein Part – lediglich biblische Bilder und Motive aufsuchen, die Muster geworden sind für den Umgang mit Macht. Diese Muster können Leitbilder darstellen dafür, worauf Christen pochen müssen in den unterschiedlichen Gestalten von Gesellschaft, in denen sie leben.

Das erste ist die Freiheit

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Das dichtet die Poetin Marie Luise Kaschnitz und sie meint damit, dass die Kernbotschaft des Christentums, die Vision von der Auferstehung sich nicht eingrenzen lässt auf ein Leben nach dem Tod, dass die Dynamik von Ostern sich nicht verdrängen lässt ans Ende der gedachten Welt. Sondern, dass Auferstehung den Durchbruch meint, den wir Menschen wagen, wenn wir Undenkbares mit einem Mal für möglich halten.

Dieser Glaube an die Auferstehung und die Veränderbarkeit aller behaupteten "alternativlosen" Gesetze und Sachzwänge ist fundamental revolutionär und fundamental politisch. Der Tod, das ist die Botschaft von Ostern, hat nicht das letzte Wort, ist nicht das Maß aller Dinge, ist nicht das Ende der Vorstellung, die Gott in dieser Welt gibt und die ich als Mensch, die wir Menschen auf dieser Welt geben. Die Zukunft ist ein offenes Tor, die tödliche Berechenbarkeit unserer Existenz ist ins Schwanken geraten - und Neues ist denkbar.

Auferstehung hat mit Aufstand zu tun und mit Aufbruch, mit Neuanfang und mit einer offenen Zukunft. Deshalb feiern Milliarden von Menschen Ostern, deshalb halten wir Christen den Auferstandenen für den größten Türöffner der Weltgeschichte. Wir glauben an die Auferstehung, obwohl sie so widerlegbar ist, obwohl sie alle Naturgesetze sprengt, obwohl sie für die Vernunft so unfassbar ist. Aber das ist es gerade: an die Auferstehung glauben, heißt zu glauben, dass nichts dem von Gott geschenkten Leben in den Weg gestellt werden kann, dass nichts unveränderbar ist und dass wir alle immer neu anfangen können – gegen unsere Einsicht, gegen unsere Naturgesetze, gegen unsere alltägliche Todeserfahrung.

Dieser Gedanke an die Auferstehung des gekreuzigten Christus ist der Kern unseres christlichen Glaubens und der Kern der verantworteten Freiheit für alle Dimensionen des Lebens. Zur Freiheit hat uns Christus befreit, jubelt der Apostel Paulus und diese Freiheit, das haben Christen gelernt, ist nicht nur eine innerliche Freiheit sondern Freiheit muss auch im politischen und gesellschaftlichen Leben möglich sein und verwirklicht werden. Paulus schließt damit an, an den über Jahrhunderte gefeierten Strom von Aufbruch und Freiheit, wie er in der kulturprägende Geschichte des jüdischen Volkes als Auszug aus Ägypten niedergelegt ist. Der Auszug aus Ägypten, die Befreiung aus der Knechtschaft, das sind biblische Grundmotive. Aktuelle Forschungen der Mosestexte im 2. Buch Mose gehen sogar davon aus, dass wir es bei den Erzählungen, in denen Gott dem Volk Gebote gibt und ein Gesetz, mit den ältesten Zeugnissen einer demokratischen Kultur zu tun haben. Das Volk nimmt in einem Akt der der Selbstermächtigung und der Selbstverpflichtung die Gebote und die Gesetze an. Das Volk hat die Fesseln der Unterdrückung und Ausbeutung abgeworfen und macht sich auf den langen beschwerlichen Weg in die selbstverantwortete. Wir können, unsere Bibel verstehen als ein Buch, das den roten Faden der Freiheit, Selbstverantwortung und der Menschenwürde von Beginn an buchstabiert.

Denn das zweite ist die Menschenwürde

Da lesen wir schon in der großen Erzählung vom Beginn der Schöpfung, dass wir Menschen von Gott als sein Ebenbild gedacht sind:
Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie.

Auch wenn die Menschheit Jahrtausende gebraucht hat, um diesen wunderbaren Satz zu verstehen, ein Grundgedanke ist schon in diesem alten Text das Fundament: Wir Menschen sind alle Ebenbilder Gottes. Wir sind Gottes Gesicht in der Welt. Wir sind gleich vor Gott, die Armen und die Reichen, die Verfolgten und die Herrschenden, die Bootsflüchtlinge in Lampedusa und die Yachtbesitzer in Nizza. Wir sind gleich: Männer und Frauen. Und es ist unsere Aufgabe immer wieder aufzubrechen, um dieses Ziel, das Gottes Gründung der Welt festgeschrieben ist, nicht zu verfehlen.

In diesem Gedanken der Ebenbildlichkeit Gottes steckt das, was in unseren demokratischen Gesellschaftsordnungen als Menschenwürde festgeschrieben ist. Jeder Mensch ist zuallererst Eigentum Gottes. Gottes Geschöpf. Gottes Kind. Gott hat einen Eigentumsvorbehalt auf alle Menschen: das gibt jedem einzelnen eine unwiderlegbare Würde. Keiner hat das Recht einen anderen zu dominieren und zu beherrschen. Keiner hat das Recht einen anderen Menschen zu foltern und zu töten. Beiseite gesagt: Die Evangelien, die das Leben Jesu erzählen sind auch die Prozessakte über ein manipuliertes Rechtsverfahren in einem Unrechtssystem. Und – keiner hat das Recht einem anderen Menschen das Wissen und die Informationen vorzuenthalten, das er braucht, um die Freiheit zu bestehen.

Öffentlichkeit herstellen für geschehenes Unrecht ist in den Gründungsurkunden unserer Religion ebenfalls ein feststehendes Element. Das hört sich in unserer Gesellschaft irgendwie so selbstverständlich an, ist aber alles andere als das. Wir sind bei unseren Brüdern und Schwestern in Tunesien und Ägypten in Syrien und im Jemen, wenn sie auf die Straße gehen und für eine Gesellschaft kämpfen, in der die Menschenwürde Geltung erlangt. Wo ein Mensch nicht von der Straße weg verschleppt werden kann und ohne fairen Prozess in dunklen Gefängnissen verschwinden kann. Eine Gesellschaft, in der es freie Medien gibt, in denen jedermann sich informieren kann, in der nicht gefoltert wird, sondern Menschen angehört werden, die mit guten Argumentenden Mächtigen widersprechen.

Das dritte ist die Kritik der Macht

Denn die Kritik der Macht - und das ist neben der Freiheit und der Menschenwürde das dritte Merkmal für eine Gesellschaft, die uns die Bibel als Muster schildert – die Kritik der Macht, die als Leihgabe Gottes verstanden wird, gehört zu den Grundmustern der biblischen Tradition. Im ersten Testament sind es die Propheten gewesen, die den Widerspruch gegen die herrschende Klasse in Gottes Namen zum Prinzip erhoben haben. Sie erheben die Stimme gegen Machtmissbrauch und Lüge, gegen Vertuschung und die Niederschlagung von Kritik.

Vielleicht erinnern Sie sich an die Geschichte des Königs David, der sich in Bathseba, die Frau seines Hauptmannes verliebt und mit ihr ein Kind zeugt. Der große König David, der dann hinterhältig Bathsebas Ehemann, seinen treuesten Soldaten in die ersten Reihen der Kämpfer schickt, damit er den Heldentod stirbt und der dann schließlich seine schwangere Geliebte ehelicht. Ein signifikanter Fall von Machtmissbrauch und Ehebruch.

Da tritt der Prophet Nathan auf den Plan und legt dem König David einen Fall von Rechtsbruch zur Beurteilung vor: Er berichtet von einem reichen Mann, der viele Schafe hat. Aber als er eines Tages ein Festessen plant, da nimmt er seinem Nachbarn, der nur ein einziges geliebtes Schäflein hat, das eine weg und schlachtet es für sein Gäste. Als König David diese Geschichte aus dem Mund des Propheten hört, entrüstet er sich und kündigt an, den reichen Mann hart zu bestrafen. Da antwortet der listige Prophet, der die Geschichte als ein Gleichnis auf den Machtmissbrauch Davids erzählt hatte: Du bist der Mann!

Du … bist der Mann! Nathan ist der Prophet, der die weltliche Macht im Auftrag Gottes beobachtet und kritisiert und auf Sanktionen pocht. Ein Muster verteilter Aufgaben in der Menschengesellschaft, in der Mächtige so leicht ihren Auftrag vergessen und von einer kritischen Instanz an ihre Verantwortung erinnert werden müssen. Denn schon in den uralten Texten Israels ist die Überzeugung festgeschrieben, dass Macht eine Leihgabe Gottes ist und kein Besitz. Dass die Herrschenden Verantwortung für ihr Volk tragen und nicht ihr Volk aussaugen dürfen. Der Prophet Ezechiel nennt diese die schlechten Hirten, die Gott hinwegjagen wird.

Die Aufgabe von verantwortungsvollen Machthabern ist, dass sie für Frieden und Wohlstand sorgen sollen und dass öffentliche Kritik am Herrscher erlaubt sein muss. Für uns in den Demokratien scheint auch das eine Selbstverständlichkeit zu sein, aber wir machen uns selten bewusst wie viele Menschen im Laufe der Jahrhunderte ihr Leben riskiert und gegeben haben, damit wir heute frei leben können. Sie kommen aus allen Traditionen: da sind Kommunisten darunter und Sozialisten, Katholiken, Protestanten – vereint in der lebensfreundlichen Überzeugung, dass der Mensch ein freies Wesen ist und dass die politisch Mächtigen nicht sich selbst, sondern dem Gemeinwohl zu dienen haben. Die Völker, die in diesen Tagen ihre Schuhe auf die Plakate ihres Herrschers werfen, erleben die Vorstellung, dass Kritik, Widerspruch gegen die Herrschenden, nicht nur erlaubt ist, nein schärfer: Sie muss Bestandteil eines politischen Systems sein. Unter freien Menschen gilt die Freiheit der Gedanken und des Wortes.

Es ist auch wieder ein Prophet des Alten Testaments, der zum ersten Mal den Widerstand gegen die Zensur dokumentiert. Der Prophet Jeremia kritisiert sechshundert Jahre vor Christus ähnlich wie ein Journalist heute in einem diktatorischen System – nämlich unter Lebensgefahr - die Politik seines Königs. Er kündigt den Einbruch der benachbarten Großmacht ins Land an und die Unterwerfung des Volkes, wenn nicht das ganze Volk und der König seine Einstellung zu Gott ändert und eine Politik für die Menschen macht. Jeremia lässt seine Prophezeiung des Untergangs öffentlich verlesen. Sie wird dem König übermittelt. Und dann lesen wir im Kapitel 36 des Buches Jeremia:

Da schickte der König den Jehudi die Rolle zu holen....und dann las Jehudi sie dem König und allen Oberen, die um den König herumstanden, vor. Der König aber saß im Winterhaus – es war kalt – und das Feuer eines Kohlebeckens brannte vor ihm. Und jedesmal, wenn Jehudi drei- oder vier Spalten gelesen hatte, schnitt der König sie mit dem Schreibermesser ab und warf sie in das Feuer im Kohlebecken, bis die ganze Rolle durch das Feuer im Kohlebecken vernichtet war.

Der König vernichtet also die Kritik des Propheten. Er wirft sie ins Feuer und befiehlt, den Autor Jeremia und seinen Schreiber zu verhaften. Eine Geste der Mächtigen, die Geschichte geschrieben hat. Da werden Gedanken verbrannt, die für die Herrschenden unangenehm sind, die den blinden Gehorsam für die falsche Sache zersetzen, die die Welt aus einer anderen Perspektive in den Blick nehmen. Das meint Zensur: Kritische Gedanken unterdrücken, dem Feuer überantworten. Bücher verbrennen. Das haben Machthaber zu allen Zeiten versucht.

Jeremia übrigens hat alle seine kritischen Überlegungen, seine Drohworte, die Gott ihm aufgetragen hatte, neu aufgeschrieben und wir können sie bis heute lesen! Bei Jeremia klingt das so:

Nachdem also der König die Buchrolle mit den Worten des Jeremia verbrannt hatte, erging das Wort Gottes an Jeremia: Nimm eine andere Rolle und schreibe alle Worte hinein, die in der ersten Rolle standen......Und Jeremia nahm eine andere Rolle, gab diese dem Schreiber und der schrieb nach dem Diktat Jeremias alle Worte des Buches hinein, das Jojakim der König Judas verbrannt hatte. Und noch viele Worte ähnlicher Art wurden hinzugefügt.

Das freie Wort ist eine Grundvoraussetzung für den Frieden in einer Gemeinschaft. Denn: Macht muss in Gottes Namen und im Namen der Menschen kritisierbar sein, das trägt uns unsere Bibel auf und wir sollen um eine Gesellschaft kämpfen, in der keiner zum Schweigen verurteilt wird, der am Wohl des Gemeinwesens mitdenkt. Wir sollen für eine Gesellschaft arbeiten, in der die Stummen eine Stimme bekommen und die Schwachen einen Fürsprecher haben.

Es sind Bilder von organischen Lebenszusammenhängen, die Jesus und die junge Kirche als Muster einer Gemeinschaft vorstellen: das Bild vom Weinstock und den Reben oder vom Leib und den Gliedern. Wir Geschöpfe, wir gehören alle organisch zusammen und der Leib unserer Menschengemeinschaft leidet, wenn ein Glied leidet. Die jungen Christengemeinden verstanden sich als Muster einer großen Menschengemeinschaft, in der sich einer für den anderen verantwortlich fühlt.

"Einer trage des anderen Last so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen", schreibt der Apostel Paulus. Und er beschreibt damit die Gemeinschaft der Christen als Gemeinschaft von Verantwortungsträgern. Auch dieser Gedanke ist aus der jüdischen Tradition ererbt, wo die Abgabe für den sozial Schwächeren als eine Voraussetzung für den Shalom verhandelt wird, ja wo sogar darüber räsoniert wird, ob es à la longue nicht der Gerechtigkeit Gottes dient, wenn der Besitz, Grundstücke und Immobilien in jedem 50zigsten Jahr neu verteilt werden.

Gerechtigkeit ist das große Stichwort unserer jüdisch-christlichen Kultur. Gerechtigkeit und die Würdigung der Menschengesellschaft als ein organischer Zusammenhang, in dem jeder seine Rolle spielt. Es gibt keinen Menschen, der in diese Gemeinschaft nichts einzubringen hätte. Jeder Mensch hat eine Gabe, auf die die Gemeinschaft wartet und ohne die eine Gemeinschaft ärmer wäre. Jeder hat da seine Rolle, auch die scheinbar Schwächsten: die Kinder mit ihrem neuen Blick auf die Zukunft, die Behinderten mit ihrem vertrauensvollen Lachen, die Reichen mit ihrer Verantwortung für das menschenwürdige Leben der Armen, die Alten mit ihrer Lebenserfahrung und Weisheit, die Klugen mit ihrer Neugier und Kreativität. Die Christengemeinde, so wollten es die ersten Christen, möge ein Modell sein für menschliches Miteinander, nicht exklusiv, sondern einladend.

Es sei nicht verschwiegen, dass sich die Kirche im Laufe der Jahrhunderte von diesen Wurzeln oft weit entfernt hat, dass wir Christen aller Konfessionen uns bis heute abarbeiten an dieser Vision einer freien und liebevollen Gemeinschaft. Ich will auch nicht verschweigen, dass die Christenheit immer wieder zurückgeblieben ist hinter ihren eigenen Visionen, ja hinter dem Auftrag Gottes. Aber diese Visionen bergen eine unerhörte Kraft, die in der Auferstehung Jesu Christi verborgen ist und an die jeder Menschen an jedem Osterfest erinnert wird, jedes Jahr neu: Die Macht der Verhältnisse nicht als gegeben hinzunehmen.

Es ist zum Beispiel ein Erbe des Reformators Martin Luther, der diese Kräfte in der Geschichte der Christen neu mobil gemacht hat und einen großen Aufstand im Namen Gottes inszeniert hat. Er hat die verkrusteten Machtverhältnisse in der Kirche aufgerissen, er hat Menschen in die Lage versetzt, sich ein eigenes Urteil zu bilden, mitzureden, Kritik zu üben, Verantwortung zu übernehmen. Die Reformation hat uns den direkten Zugang zu Christus dem Auferstandenen wieder bewusst gemacht. Es sind nicht die geistlichen Hierarchien, die uns sagen können, wie wir leben müssen und wie wir unser Christsein zu verstehen haben. Geistliche Leitungsfiguren können uns raten, sie können uns den Reichtum unserer spirituellen Tradition aufschließen helfen. Aber sie können uns die Verantwortung für unser eigenes Leben nicht abnehmen. Das haben wir von Martin Luther, dem Rebell im Namen Gottes gelernt. Und wir haben von ihm gelernt, dass der lustvolle und vielstimmige Streit um die Wahrheit zum Leben eines Christenmenschen dazugehört.

Was ist Wahrheit? Diese berühmte Frage des Pilatus an Jesus bleibt auf ewig unbeantwortet. Wir müssen bis ans Ende der Tage um die Wahrheit ringen, das ist unsere herrliche Aufgabe. Und die Wahrheit, das bezeugt unsere heilige Schrift, ist annäherungsweise nur zu bekommen, wenn alle Glieder in einer Gemeinschaft eine Stimme haben und die Chance, ihre Stimme in einem fairen Streit um die Wahrheit zu erheben.

Die Grundlagen einer Streitkultur aus dem Geist der Christenheit ist die Regel, dass wir miteinander und nicht übereinander reden, dass wir öffentlich machen, was an Argumenten und an Motiven totgeschwiegen wird, dass wir in der Hitze einer Schlagzeilenkultur, das Argument prüfen und nicht die Lautstärke, in der das Argument geäußert wird. Und wir sollten in unserer Gesellschaft eine deutliche und eine ehrliche Sprache lernen: nicht die wägende Sprache der Politiker, die mit Plastikwörtern mehr verunklaren, denn klären, nicht die Sprache der Schlagzeilen, die keine Zeit zum Nachdenken lassen; nicht die Sprache der Experten, die sich aus der Debatte stehlen, indem sie sich alle Wege offen halten, nicht die Sprache der Prognostiker, die Stimmungen zählen und nicht Argumente.

Eine Streitkultur unter Christen – nach dem Masterplan der Bergpredigt - nimmt die Menschen mit, versteht sie als Gottes Geschöpfe, bildbar, verführbar zum Argument, überzeugbar von fairen Prozessen und in der Lage, ohne Gesichtsverlust, als Unterlegener vom Spielfeld zu gehen. Die Barmherzigkeit und die Vergebung des aufständischen Gottes, sie sind umsonst und das gibt uns Kraft eine Sprache zu lernen, die dem anderen eine Chance lässt und die in Erwägung zieht, dass der Balken ja vielleicht doch in meinem eigenen Auge sitzt und nicht anderswo.

Der Aufstand der Auferstehung ist der Samen aus dem unsere Kultur vom Volk Israel her gewachsen ist. Immer wieder mit Rückschlägen, mit Versäumnissen, mit dem Verrat. Aber dieser Aufstand zum Leben, der schon in diesem Leben beginnt, beim Einzelnen und in der Gesellschaft, ist nicht mehr zum Verstummen zu bringen. Ein Leben von Ostern her lässt sich nicht mehr klein machen. Diesen Geist des Aufstands nennen wir den heiligen Geist, der Raum und Zeit sprengt und uns Visionen schenkt für ein glücklicheres Zusammenleben.


Johanna Haberer gehört dem Kuratorium der Stiftung Friedliche Revolution an. Sie ist Professorin für Christliche Publizistik und Vizepräsidentin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.